| 22:16 Uhr

Formel 1
Eine perfekte Taktik und ein bisschen Glück

Melbourne. Formel-1-Pilot Sebastian Vettel gewinnt überraschend den Großen Preis von Australien vor Weltmeister Lewis Hamilton.

Lewis Hamilton hockte eine kleine Ewigkeit wie versteinert in seinem Silberpfeil, während Sebastian Vettel immer wieder vor Freude gegen den Cockpitschutz seiner neuen roten Göttin „Loria“ hämmerte. In einem dramatischen Auftaktakt zum nächsten WM-Duell der beiden Formel-1-Giganten hatte Vettel die Gunst einer Safety-Car-Phase und einer Softwarepanne bei Mercedes beim Schopfe ergriffen und Weltmeister Hamilton so den sicher geglaubten Sieg beim Großen Preis von Australien geraubt.

„Wir hatten Glück mit dem Safety Car, das stimmt. Aber wir haben auch zugegriffen“, sagte Vettel, dessen 48. Sieg im 200. Grand Prix von der italienischen Presse als „Meisterwerk“ und das Resultat einer „perfekten Taktik“ (Corriere dello Sport) gepriesen wurde. Doch das stimmte nur zum Teil: Ohne Fortuna wäre es nichts geworden mit seinem 100. Podestplatz und der WM-Führung vor dem zweitplatzierten Hamilton. „Das ist eine große Motivation für die nächsten Wochen, denn wir sind eigentlich noch nicht auf einem Level mit Mercedes. Lewis war der schnellste Mann heute“, räumte Vettel auch fair ein.

Bei Mercedes war die Stimmung verständlicherweise am Tiefpunkt. „Ich würde gern irgendwen erwürgen, ich weiß aber noch nicht wen“, haderte Motorsportchef Toto Wolff: „Wie vielen Leuten ist das schon passiert, dass man vom Safety Car gebissen wird? Wir mussten mit Lewis den Boxenstopp von Kimi (Vettels letztlich drittplatzierter Teamkollege Räikkönen, Anm. d. Red.) covern und waren dann blank, falls ein Safety Car kommt.“ Dieses rückte just in der Phase aus, als Vettel wegen seines herausgezögerten Reifenwechsels vor Hamilton und Räikkönen in Führung lag. Dann blieb der Franzose Romain Grosjean vom Ferrari-Kundenteam Haas nach einem Fehler seiner Crew beim Reifenwechsel in der 24. Runde liegen. Das Safety Car wurde aktiviert – und Vettel schlug zu.



„Laut unserem Computer wären wir auch mit 15 Sekunden Abstand noch sicher gewesen, und Sebastian lag nur zwölf Sekunden vor uns. Wir dachten also, das ist okay, aber wir sind dann hinter ihm gelandet“, zeigte sich Wolff irritiert: „Wir werden einmal bei unserer Software ansetzen. Mal schauen, ob die einen Fehler hat.“

Der Leidtragende war Hamilton: Der Weltmeister fand sich nach scheinbar sicherer Führung mit einem Mal hinter seinem Dauerrivalen wieder und verstand die Welt nicht mehr. „Es ist nie leicht, einen Grand Prix zu verlieren“, sagte der 33-Jährige, der auch zwei Stunden nach Rennende noch sichtlich geknickt wirkte: „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich eher nach Instinkt fahren als nach Daten. Aber so ist die moderne Formel 1 nun mal.“

In der Qualifikation hatte Hamilton eine Demonstration der Stärke hingelegt, auch im Rennen sah er wie der sichere Sieger aus. Doch durch das Drama um den Haas-Renner von Grosjean setzte sich Hamiltons Pechsträhne in Melbourne fort: Siebenmal stand der 33-Jährige im Albert Park auf der Pole Position, nur 2008 und 2015 konnte der amtierende Weltmeister die beste Ausgangsposition in den Sieg ummünzen. Trotz Geschwindigkeitsdefiziten konnte Vettel den eigentlich schnelleren Hamilton nach der Freigabe des Rennens auf Distanz halten. Damit zeigte sich einmal mehr, dass der Mercedes nur dann im Renntrimm das schnellste Auto ist, wenn er freie Fahrt hat.

Hamilton wurde gegen Ende des Rennens immer entschlossener – womöglich zu entschlossen: Einer schnellsten Rennrunde folgte umgehend ein Verbremser mit Ausrutscher ins Gras. Er kämpfte sich noch einmal heran, doch seine Hinterreifen litten unter diesem Schlussspurt derart, dass Vettel den Sieg sicher ins Ziel bringen konnte.