| 22:02 Uhr

Ein Spiel dauert nicht nur 90 Minuten

 Der Auslöser aller Turbulenzen: Robert Lewandowski (Mitte) erzielt in der 96. Minute den 1:1-Ausgleich für die Bayern. Danach verloren einige Hertha-Profis die Nerven. Foto: charisius/dpa
Der Auslöser aller Turbulenzen: Robert Lewandowski (Mitte) erzielt in der 96. Minute den 1:1-Ausgleich für die Bayern. Danach verloren einige Hertha-Profis die Nerven. Foto: charisius/dpa FOTO: charisius/dpa
Berlin. Sie haben es schon wieder getan: Mit einem ganz späten Tor rettet sich Spitzenreiter Bayern vor einer Pleite in Berlin. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Jörg Soldwisch

Rangeleien, Verschwörungstheorien, eine Spuck-Attacke und der Mittelfinger von Carlo Ancelotti: Nach dem späten Tor des FC Bayern München in der turbulenten XXL-Nachspielzeit von Berlin kochten die Emotionen richtig über. Selbst der sonst so coole Mister Ancelotti verlor für eine Sekunde die Fassung und zeigte beim Gang in die Kabine wütenden Hertha-Fans den Stinkefinger. "Ja, ich habe diese Geste gemacht, weil ich angespuckt wurde", gab Ancelotti nach dem nüchtern betrachtet leistungsgerechten 1:1 (0:1) in der ARD-Sportschau zu.

Womöglich hat das ganze noch ein Nachspiel: Am Sonntag wurde bekannt, dass der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) den Bayern-Trainer zu einer Stellungnahme auffordern wird. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund plädierte im ZDF-Sportstudio allerdings gegen ein Vorgehen: "Ich würde jetzt nicht den Stab über ihn brechen wollen. Wenn dir einer von oben auf den Kopf rotzt, dann findest du das nicht so spannend."

Auch Hertha-Torhüter Rune Jarstein, der unmittelbar nach dem späten Ausgleich durch Robert Lewandowski den Ball aus kürzester Distanz Xabi Alonso in den Rücken drosch, muss sich gegenüber dem Kontrollausschuss äußern. Dem Norweger droht eine nachträgliche Sperre, sollte ihm eine Tätlichkeit nachgewiesen werden. Nach der Szene kam es auf dem Platz zu einer heftigen Rudelbildung.



Vielleicht beschäftigt sich der DFB auch mit dem delikaten Vorwurf von Hertha-Trainer Pal Dardai. Der Ungar witterte in seiner ersten Enttäuschung wegen der extrem langen Nachspielzeit eine Verschwörung. "Sorry, aber ich glaube, das ist der Bayern-Bonus", wetterte Dardai in Richtung des Schiedsrichters Patrick Ittrich (Hamburg).

Fakt ist: Robert Lewandowskis Ausgleichstreffer nach 95:59 Minuten war das späteste Bundesliga-Tor seit detaillierter Datenerfassung. Dabei hatte der vierte Offizielle nach dem Ende der regulären Spielzeit mit seiner Tafel "nur" fünf Minuten Nachspielzeit angezeigt. Und schon da hatte es Pfiffe von den 74 667 Zuschauern im erstmals in dieser Saison ausverkauften Olympiastadion gegeben.

Auch Vedad Ibisevic, der mit dem 1:0 (21.) seine Torflaute nach 656 Minuten beendete, sprach hinterher von einem Bayern-Bonus: "Warum muss man fünf Minuten nachspielen und dann noch zwei oben drauf? Wo gibt es das sonst? Nur bei den Bayern!"

Weltmeister Thomas Müller konnte derweil über den angeblichen "Bayern-Bonus" nur lachen. "Hertha hat von Anfang an nur Zeitspiel gemacht", sagte der Offensivspieler und spottete: "Sie sollen sich mal anschauen, wie viele Krämpfe es ab der 50. Minute gab bei einer Mannschaft, die keine englischen Wochen hat."

Während seine Chance von Beginn an nicht nutzen konnte, glänzte Lewandowski diesmal als Joker. "Wenn du in der 96. Minute ein Tor machst, ist das immer etwas Besonderes", sagte der eingewechselte Pole, der mit seinem 16. Treffer die zweite Saisonpleite der Bayern in der Liga vereitelte.

Von der Gala-Form drei Tage zuvor in der Champions League gegen den FC Arsenal (5:1) waren die Münchener weit entfernt, dafür schlugen sie spät zu. Wie schon bei den Rückrundensiegen gegen den SC Freiburg (2:1) und den FC Ingolstadt (2:0). Ob das nun der Bayern-Bonus, Dusel, Mentalität oder einfach nur Klasse ist, darüber wird heftig diskutiert.