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Heim-EM in Berlin
Ein Podiumsplatz ist das Ziel

Raphael Holzdeppe will bei der EM wenigstens auf Rang drei springen.
Raphael Holzdeppe will bei der EM wenigstens auf Rang drei springen. FOTO: maw / Martin Wittenmeier
Zweibrücken. Der Zweibrücker Stabhochspringer sieht sich gut gerüstet für die Heim-Europameisterschaft in Berlin am Wochenende. Von Svenja Hofer

Einfach nur dabei sein, dieses Motto gibt es für Raphael Holzdeppe nicht. Startet der Stabhochspringer des LAZ Zweibrücken bei einem internationalen Großereignis, so will er immer um die Medaillen mitspringen. Ein ganz besonderes Erlebnis wäre es, das bei einer Meisterschaft im eigenen Land zu schaffen. Bei der WM 2009 in Berlin saß der 28-Jährige noch im Publikum, bei der diesjährigen EM in der Hauptstadt möchte Holzdeppe am Wochenende ganz vorne mitmischen.

Herr Holzdeppe, Ihre Generalprobe für die anstehende Heim-EM beim Athletics-World-Cup in London Mitte Juli war für Sie ganz ordentlich (5,75 m). Da Sie auf den Start bei der DM eine Woche später verzichtet haben, haben Sie vor Berlin keinen weiteren Wettkampf absolviert. War dieser Verzicht eine reine Vorsichtsmaßnahme wegen des Wetters oder waren Sie körperlich angeschlagen?

Raphael Holzdeppe: Es war eine Mischung aus beidem. Es war einmal eine Vorsichtsmaßnahme. Und weil ich einen Zug im Rücken verspürt habe, haben wir entschlossen, lieber kein Risiko einzugehen. Es ist in den Tagen danach dann tatsächlich immer ein bisschen schlimmer und schlimmer geworden und ich habe ein paar Tage liegend zuhause verbracht.



Es war also die richtige Entscheidung, auf den DM-Start zu verzichten?

Holzdeppe: Es war am Ende tatsächlich die richtige Entscheidung, den Wettkampf relativ schnell abzubrechen. Das ist natürlich immer schade bei einer deutschen Meisterschaft, aber mit Blick auf die EM war es auf jeden Fall richtig.

Die Beschwerden sind nun aber auskuriert, Sie fühlen sich fit und gut vorbereitet für Berlin?

Holzdeppe: Genau. Mit dem Team waren wir die vergangenen Tage noch in Kienbaum zur letzten Vorbereitung. Ich fühle mich auf jeden Fall wieder gut und bin zuversichtlich für Berlin.

Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit Ihrer bisherigen Sommersaison?

Holzdeppe: Soweit bin ich eigentlich zufrieden. Am Anfang hat es sich ein bisschen schwer angetan, da hätte ich mir gewünscht, dass der Knoten ein bisschen früher platzt. Doch ich musste etwas warten. An sich wusste ich aber immer, dass die Form gut ist und ich nur Geduld haben muss, bis es passiert. In Zweibrücken hat es mit 5,81 Metern dann sehr gut funktioniert. Und auch der letzte Wettkampf, den ich in London gemacht habe – mit 5,75 Metern aus verkürztem Anlauf – war sehr sehr gut. Ab dem Wettkampf in Zweibrücken hat eigentlich alles funktioniert, die Form hat gepasst, außer, dass ich in Hof noch etwas mit dem Wetter gehadert habe. Aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit meiner bisherigen Saison.

Und jetzt steht mit der EM im eigenen Land der Höhepunkt an. Nach Olympia-Bronze 2012 und dem WM-Titel 2013 mussten Sie trotz WM-Silber 2015 immer wieder mit Rückschlägen zurechtkommen. Wie schafft man es als Sportler, immer wieder aufzustehen, sich immer wieder für das Training, die kleinen und großen Wettkämpfe zu motivieren?

Holzdeppe: Ich glaube, das liegt in der Natur der Sache. Als Sportler möchte man es ja vor allem auch sich selbst beweisen. Dass es nach allen schlechten Zeiten auch wieder gute Zeiten gibt. Man will sich beweisen, wenn nach guten schlechte Zeiten kommen, dass man da selbst wieder rauskommen kann. Bei mir war es immer so, dass ich immer auch das Gefühl hatte, dass etwas möglich ist, wenn ich gesund bin. Das hat mich immer angetrieben.

Trotz des Quali-Aus‘ bei den Olympischen Spielen in Rio 2016, trotz des Salto nullo im WM-Finale 2017, haben Sie in Deutschland auch in den vergangenen Jahren immer zur absoluten Spitze gehört. Neben dem „Sich-Selbst-Beweisen“, wollen Sie auch der internationalen Konkurrenz und Kritikern noch einmal zeigen, dass sie Sie noch lange nicht abschreiben dürfen?

Holzdeppe: Darüber denke ich eigentlich nicht nach. Man kann schreiben, was man will, mein großes Ziel war es, an dieser EM teilzunehmen. 2009 habe ich die Heim-WM verpasst – und noch eine Chance bekomme ich nicht in Berlin (lacht). Deshalb wollte ich es dieses Mal unbedingt schaffen. Das ist jetzt schon einmal in Erfüllung gegangen. Natürlich ist mein Anspruch immer, wenn ich bei einer Meisterschaft starte, auch vorne um die Medaillen mitzuspringen. Und zuletzt bei der Hallen-Weltmeisterschaft war es relativ knapp als Fünfter (5,80 m im März in Birmingham, Anm.  d. Red.). Davor war ich Fünfter bei der Hallen-EM. Das hat mir gezeigt: Ich bin nicht so weit weg, ich bin sehr nah dran an den Medaillen. Es war immer nur eine Höhe Unterschied. Dementsprechend bin ich von der Leistung absolut im Soll. Mein Ziel ist es nun, in Berlin mit der bestmöglichen Form anzutreten.

Sie haben es schon angesprochen: 2009 haben Sie die Heim-Weltmeisterschaft knapp verpasst. Wird diese EM in Deutschland daher nochmal ein besonderer Höhepunkt in Ihrer Karriere?

Holzdeppe: Definitiv! Es haben nicht viele Sportler die Gelegenheit, wenn sie eine internationale Heimmeisterschaft verpasst haben, an einer zweiten teilzunehmen. Daher bin ich auch super froh darüber, dass sich diese zweite Chance ermöglicht hat. Ich freu mich einfach, vor heimischem Publikum anzutreten – das ist etwas Außergewöhnliches. Ich denke, daher werde ich die EM noch etwas mehr genießen als die anderen Meisterschaften, die ich schon mitmachen durfte.

Mit den 5,81 Metern vom Himmelsstürmer-Cup liegen Sie in der europäischen Jahresbestenliste derzeit auf Rang sechs (hinter Renaud Lavillenie 5,95, Piotr Lisek 5,94, Armand Duplantis 5,93, Timur Morgunov 5,92 und Pawel Wojciechowski 5,83). Wen sehen Sie bei der EM als großen Titelfavoriten?

Holzdeppe: Den einen großen Titelfavoriten gibt es für mich nicht. Alle, die in der Rangliste zwischen Platz eins und acht liegen, können eigentlich ganz vorne reinspringen. Dementsprechend wird es sicher ein interessanter, ein sehr spannender und umkämpfter Wettkampf.

Die Freiluft-Europameisterschaften standen in den vergangenen Jahren für Sie unter keinem guten Stern. 2014 und 2016 mussten Sie verletzungsbedingt passen. 2012 in Helsinki hatten Sie aber  Bronze gewonnen. Was rechnen Sie sich  für Berlin aus?

Holzdeppe: Ich möchte aufs Podium, das ist definitiv mein Ziel.

Im DLV-Trio mit Bo Kanda Lita Baehre und Torben Laidig sind Sie der erfahrenste deutsche Springer. Welche Chancen rechnen Sie den beiden anderen Kandidaten aus, geht es für Sie vor allem ums Dabeisein?

Holzdeppe: Ich denke, das Motto „Dabeisein ist alles“ ist der größte Unfug, der von Journalisten erzählt wird (lacht). Kein Sportler fährt zu einer Meisterschaft, damit er einfach nur dabei ist. Jeder Sportler hat Ziele. Das erste ist sicher für alle, die Qualifikation zu überstehen. Jeder macht dann für sich etwas aus, was er springen will. Keiner fährt zu dieser Europameisterschaft, um einfach nur ,dabei’ zu sein. Dann müsste man eigentlich gar nicht mehr springen, denn dabei ist man ja schon.

Welche Rolle kann die Kulisse, das deutsche Publikum bei der Heim-EM in Berlin spielen?

Holzdeppe: Eine sehr große. 2009 habe ich bei der Weltmeisterschaft im  Publikum gesessen. Und das war sensationell. Ich denke, es ist nicht zu viel gesagt, wenn wir uns etwas Ähnliches erhoffen und erwarten können bei der Europameisterschaft. Das trägt einen natürlich auch nochmal weiter und weiter. Mehr noch als man bei anderen Wettkämpfen vom Publikum  angetrieben wird. Man möchte für sich selbst die Bestleistung abrufen, aber natürlich will man auch den Zuschauern, die einen unterstützen, das Bestmögliche bieten.

Verspüren Sie vor solch einem Großereignis im eigenen Land – ob von außen oder Ihnen selbst – dennoch besonders großen Druck?

Holzdeppe: Nein, ich glaube, es pusht einen vielmehr. Ich persönlich sehe da keinen Druck. Ich sehe eigentlich nur große Vorfreude. Mir wird es riesengroßen Spaß machen, das erleben zu dürfen.

Dieses Gespräch
führte Svenja Hofer