| 20:27 Uhr

Ein kleiner Star mit großen Zielen

Rehlingen. Am Samstag kommt Hindernisläuferin Gesa Krause aus Südafrika zurück nach Deutschland, am Montag läuft sie beim Pfingstsportfest in Rehlingen. Für 2016 hat sich die 23-Jährige mutige und hohe Ziele gesteckt. Kai Klankert

Seit neun Monaten ist sie nicht über die Hindernisse, nicht mehr über den Wassergraben gesprungen. Kein Wunder, dass das Kribbeln da ist, seit vorigen Freitag auf jeden Fall. Da hat Gesa Krause den Diamond-League-Auftakt in Doha im Fernsehen verfolgt, die Konkurrentinnen inspiziert. Jetzt fiebert die 23-Jährige ihrem ersten Freiluft-Auftritt im Olympia-Jahr entgegen - am Pfingstmontag in Rehlingen .

Zwei Mal war sie im Bungertstadion schon selbst aktiv, 2010 und 2011, jeweils über 800 Meter, zwei Mal war sie als Zuschauerin da. Da hatte das Meeting nicht in ihren Wettkampfplan gepasst. "Aber dieses Mal ist es top", sagt Krause, "auch weil die 2000 Meter Hindernis eine gute Überprüfung meiner Form sind im ersten Rennen ."

Gesa Felicitas Krause ist noch die aufgeweckte junge Frau wie vor fünf, sechs Jahren: höflich, bodenständig, sympathisch; auf der Bahn aber ist sie eine andere - der neue Star im Deutschen Leichtathletik-Verband. In einer von afrikanischen Läuferinnen dominierten Disziplin, über 3000 Meter Hindernis, hat sich Krause zu einer der besten der Welt entwickelt - der Gewinn der WM-Bronzemedaille im vergangenen Jahr in Peking belegt dies eindrucksvoll.



Die 1,67 Meter kleine Läuferin wurde zu Deutschlands Leichtathletin des Jahres 2015 gewählt - noch vor Speerwurf-Weltmeisterin Katharina Molitor oder Hürdensprint-Vizeweltmeisterin Cindy Roleder. Und Krause ist, wenig verwunderlich, auch das Gesicht des Rehlinger Pfingstsportfestes, ihr Bild ziert das offizielle Plakat der Veranstaltung. "Es freut mich sehr, dass meine Leistungen so gut angekommen sind, dass sie honoriert werden", sagt Krause: "Aber wenn Erfolg da ist, wird die Luft dünner. Die Erwartungshaltung ist schon sehr hoch."

Aber sie wirkt nicht so, als würde es ihr Kopfzerbrechen bereiten. Vielmehr ist sie unglaublich motiviert festzustellen, was ihr Körper hergibt. Sie will alles ausreizen. Und sie ist mutig genug, sich höchstmögliche Ziele zu setzen. "Der Traum", sagt sie, "ist eine Medaille bei den Olympischen Spielen." Der Weg dahin ist klar skizziert. Drei Höhentrainingslager in Kenia zu je vier Wochen hat sie seit November hinter sich, aktuell absolviert sie ihr viertes Trainingslager in Potchefstroom in Südafrika. Am Samstag kommt sie zurück nach Deutschland, am Montag läuft sie in Rehlingen die 2000 Meter Hindernis, zehn Tage später in Eugene erstmals die 3000 Meter Hindernis. Im besten Fall klappt dann die Norm für die EM und Olympia. Es folgen weitere Meetings, die deutschen Meisterschaften in Kassel, die EM in Amsterdam - und Rio.

Der Aufstieg der Gesa Krause kann also weitergehen, eine Überraschung ist er ohnehin nicht. "Ich hatte das Glück, mit 16 Jahren einen Trainer zu finden, der mich unterstützt und das gleiche Ziel verfolgt wie ich - nur aus einer anderen Perspektive", sagt Krause über ihren Heimtrainer Wolfgang Heinig, der bereits seine Frau, die frühere Marathonläuferin Katrin Dörre-Heinig, in die Weltspitze führte (Olympia-Bronze 1988 in Seoul, WM-Bronze 1991 in Tokio). "Es ist wichtig für mich, jemanden an meiner Seite zu haben, der an mich glaubt", sagt Krause.

Sie vertraut Heinig, seinen Methoden, der Beziehung zueinander. Sie verbringen schließlich viele Tage zusammen, abseits des Alltags in Deutschland. Reden über das Training, über Alltagssorgen, über Politisches. Auch über die aktuellen Dopingdiskussionen in der Leichtathletik. Drei Monate hat Krause zuletzt in Kenia verbracht - einer Läufernation, die wegen ihres nicht funktionierenden Kontrollsystems am Pranger steht. Krause spricht über "Leidenschaft und Herzblut" vieler Sportler , die "unter der Korruption im Verband leiden". Aber sie sieht auch die Welt-Anti-Doping-Agentur gefordert, international für "Gleichberechtigung" zu sorgen. Sie selbst muss peinlich genau dokumentieren, wann sie wo ist. Damit die Nationale Anti-Doping-Agentur sie immer und überall finden kann. Auch in Kenia. Dort bekam sie in diesem Jahr zwei Mal Besuch von der Nada. "Diese komplette Kontrolle gehört zu meinem Sport dazu. Man wird auch selbst zu einem Kontrollfreak, will bloß nicht irgendwo mal eine Wasserflasche stehen lassen. Ich bin auch sehr vorsichtig, wenn ich Medikamente zu mir nehme. Man darf sich eben keinen Fehler erlauben."

Sie selbst hat schon erlebt, wie schnell es gehen kann. 2012 in Helsinki. Da lief sie bei der EM als Vierte ins Ziel. Und rückte einen Platz vor, nachdem die Ukrainerin Switlana Schmidt wegen eines Dopingvergehens disqualifiziert wurde. Die Medaille hat sie bis heute nicht. Und die Freude über Bronze hält sich in Grenzen.

"Natürlich rege ich mich über die Dopingdiskussionen auf", sagt Krause: "Aber es hilft ja nicht. Ich muss trotzdem an mir arbeiten." Und das tut sie. Tag für Tag. Steckt sich kleine Ziele, um die Motivation hochzuhalten. Rio ist das übergeordnete Ziel, aber wirklich präsent ist es noch nicht. Das Rennen im Olympiastadion spielt sie in Gedanken nicht durch, eher das in Rehlingen . "Ich hoffe", sagt sie, "dass ich gut reinfinde in mein Jahr. Ich mag das kleine Stadion, die Zuschauer, die sehr nah am Geschehen sind und die Sportler über die Bahn tragen."

Ein Star wie sie kann sich auch an kleinen Meetings erfreuen, auch wenn ihre Kampfansage an die Konkurrenz nur das Rennen in Rio betrifft: "Ich schaffe es, in den entscheidenden Momenten alles auf eine Karte zu setzen. Und das ist auch mein Ziel: Ich will in den wichtigsten Rennen meine beste Leistung abrufen."

Zum Thema:

Auf einen Blick Beim 52. Pfingstsportfest am kommenden Montag im saarländischen Rehlingen sind mehr als 220 Leichtathleten aus gut 30 Ländern am Start, darunter zahlreiche Weltklasse-Athleten wie Hindernis-Star Gesa Krause, der aktuelle Speerwurf-Weltmeister Julius Yego aus Kenia oder die Speerwurf-Weltmeisterin von 2013, Christina Obergföll, Ehefrau von Bundestrainer Boris Obergföll (früher Henry). Den Auftakt der Veranstaltung bildet traditionell ein Kinder- und Jugendsportfest (ab 12.45 Uhr). Auf die Sprint-Vorläufe (ab 14.45 Uhr) folgt nach der offiziellen Eröffnung um 15 Uhr dann bis 18 Uhr das Hauptprogramm. Weitere Informationen unter www.pfingstsportfest.de kai