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Ein Finale der Emotionen

Beaver Creek. Nach einem dramatischen WM-Slalom stehen Fritz Dopfer und Felix Neureuther mit Silber und Bronze auf dem Siegerpodest. Ein historischer Moment für den Deutschen Skiverband, der zunächst nicht zu erwarten war. Sid-Mitarbeiterthomas Häberlein

Gut fünf Stunden nach einem schier unglaublichen Rennen sah Felix Neureuther den Zeitpunkt gekommen, die allgemeine Glückstrunkenheit mit ein bisschen Ausgelassenheit aufzumischen. Also schnappte er sich bei der Feier im Deutschen Haus in Vail eine Flasche Schampus und übergoss Cheftrainer Mathias Berthold, während der lachende Fritz Dopfer zusah, dass er Land gewann. Berthold machte danach Neureuther nass und verfügte im Scherz: "Der Felix wird zur Strafe nur noch bei unterklassigen Rennen starten."

Rennen schien schon verloren

Es war der Zeitpunkt, als langsam auch die Ungläubigkeit über ein Rennen verflog, das bereits verloren schien. Neureuther und Dopfer, die Nummer eins und die Nummer drei im Weltcup, schienen im Kampf um die WM-Medaillen im Slalom geschlagen. Siebter und Sechster waren sie, als es in den zweiten Lauf ging. Und dann: Neureuther und Dopfer riskierten alles, die Konkurrenz patzte. Als nur noch Marcel Hirscher am Start stand, war Neureuther Dritter, Dopfer Zweiter. Und weil der Österreicher überraschend ausschied (siehe Hintergrund), blieben sie es auch.

Gestandene Männer hatten danach Tränen in den Augen oder kämpften dagegen an. Christian Neureuther zum Beispiel. Der Vater von Felix Neureuther wischte sich verstohlen über das Gesicht, dann holte er eine schwarze Kamera aus der Tasche, um ein gänzlich unerwartetes und zugleich historisches Motiv festzuhalten, ein Siegerpodest mit zwei Deutschen: Dopfer mit Silber um den Hals, Neureuther junior mit Bronze, dazwischen Jean-Baptiste Grange (Frankreich) mit Gold . Neureuther senior war so aufgewühlt, dass er beinahe vergaß abzudrücken.

"Ich bin ehrlich tief bewegt", sagte Alpindirektor Wolfgang Maier, seine feuchten Augen verrieten, wie tief. Menschen mit und ohne hellblaue Anoraks des Deutschen Skiverbandes fielen sich um den Hals, Maier und Berthold erwürgten sich beinahe, und sogar DOSB-Präsident Alfons Hörmann ließ es sich nicht nehmen, schnurstracks auf den ziemlich verdutzen Maier zuzugehen und ihn an seine Brust zu drücken.

Neureuthers Hemmungen

Ohne besagten Rennverlauf wäre es freilich nie zum Ausbruch dieser Emotionen gekommen. Und zumindest Neureuther brauchte in der Tat bis zum Abend im Deutschen Haus, ehe er sich dann so richtig freuen konnte. "Da steht der Hirscher oben und du denkst dir, du wirst Vierter." Im Riesenslalom war es ja so gekommen, der Österreicher fuhr zu Gold , und Neureuther flog vom Podest. Der WM-Zweite von 2013 hatte ein bisschen Hemmungen, sich zu freuen, "man hofft ja nicht, dass er ausscheidet, sondern dass man schneller ist."

Dopfer dagegen hatte keinen Grund, erst mal ein bisschen Skrupel zu haben. Er lachte, er ging für seine Verhältnisse extrem aus sich heraus. "Einfach genial", sagte er über den größten Tag seiner Karriere. Schon fünf Mal war er Zweiter geworden im Weltcup, bei Olympia 2014 zudem Vierter - "weil ich mich nicht am Limit bewegt habe", wie er sagte. Diesmal habe er sich geschworen: "Komm, Fritz dieses Mal: Den Fehler machst du nicht." Gesagt, getan.

Es war bei der WM 1987 im Schweizer Crans-Montana, als zum letzten Mal zwei Deutsche auf einem Siegerpodest gestanden hatten, ebenfalls im Slalom. Damals siegte Frank Wörndl, Armin Bittner wurde Dritter. Wörndl sprach dann am Abend im Deutschen Haus aus, was alle dachten: "Stell Dir vor, die Herren wären ohne Medaille heimgefahren nach all dem, was die in den vergangenen zwei Jahren geleistet haben. Das wäre einfach ungerecht gewesen."



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HintergrundSki-Star Marcel Hirscher aus Österreich hat durch sein Aus im Slalom-Finale am Sonntagabend sein drittes Gold bei den Weltmeisterschaften in den USA verpasst. Damit vergab der 25-Jährige auch die Chance, in der Statistik zu einigen ganz Großen der Alpin-Geschichte aufzuschließen. Insgesamt gewannen nur fünf Männer drei oder mehr Goldmedaillen bei einer einzigen WM. Vier Mal Gold holten Toni Sailer (Österreich) 1956 in Cortina und Jean-Claude Killy (Frankreich) 1968 in Grenoble, drei Mal Gold Emile Allais (Frankreich) 1937 in Chamonix, Stein Eriksen (Norwegen) 1954 in Are, Sailer (Österreich) 1958 in Bad Gastein und Ted Ligety (USA) 2013 in Schladming. dpa