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106. Tour de France
100 Jahre Gelb, 50 Jahre Merckx

Brüssel. Die Tour de France feiert zwei Jubiläen. Der Start steht im Zeichen der belgischen Rad-Legende. dpa

Gelb ist in diesen Tagen die Modefarbe in der Heimat von Eddy Merckx. Wenn am Samstag in Brüssel die 106. Tour de France gestartet wird, dreht sich alles um das Gelbe Trikot. Seit genau 100 Jahren existiert das wohl berühmteste Trikot der Welt, das verbunden ist mit zahlreichen Heldengeschichten, Dramen, aber auch großen Skandalen. Da passt es vortrefflich zum Jubiläum, dass der Kampf um den Gesamtsieg so offen wie seit vielen Jahren nicht mehr erscheint.

Die Gastgeber träumen bereits vom ersten französischen Toursieger seit 34 Jahren. „Dieses Jahr oder niemals“, schrieb das Tour-Organ „L‘Equipe“. Wo in den letzten Jahren aufgrund der Dominanz des Teams Sky – heute Ineos – oftmals gähnende Langeweile herrschte, ist die Favoritenrolle diesmal völlig ungeklärt. Der walisische Titelverteidiger Geraint Thomas hat seit einem Jahr kein Rennen mehr gewonnen, Vierfach-Champion Chris Froome (Großbritannien) liegt mit Knochenbrüchen im Krankenbett, und der niederländische Vorjahreszweite Tom Dumoulin muss ebenfalls verletzt passen.

Wer macht also das Rennen nach 3480 Kilometern von Brüssel bis Paris? Noch einmal Thomas, dessen Vorbereitung mit Stürzen und fehlenden Erfolgen holprig verlief? Oder stattdessen sein erst 22 Jahre alter Ineos-Teamkollege Egan Bernal? Der junge Kolumbianer hat mit seinem Sieg bei der Tour de Suisse nochmals bewiesen, dass ihm die Zukunft gehört. Beginnt seine Zeit schon 2019? Der deutsche Routinier Tony Martin ist davon überzeugt: „Das ist nicht mehr die Zukunft, sondern schon die Gegenwart.“ Und Volksheld Merckx, der vor 50 Jahren seinen ersten Toursieg einfuhr und insgesamt an bislang unerreichten 96 Tagen Gelb trug, hat sich schon im Frühjahr auf Bernal festgelegt.



Hinter dem Duo des seit Jahren übermächtigen Ineos-Teams machen sich weitere Fahrer Hoffnungen auf den großen Coup. Wie etwa Bernals Vorbild Nairo Quintana, ebenfalls Kolumbianer. Oder der Däne Jakob Fuglsang, immerhin Sieger der Dauphiné-Rundfahrt. Nicht zu vergessen die beiden Franzosen Thibaut Pinot und Romain Bardet, denen die Strecke mit nur einem mittelschweren Einzelzeitfahren besonders gefallen dürfte. Der Sieger darf sich wie im Vorjahr über ein Preisgeld von exakt einer hal­ben Million Euro freuen.

Mit der Gesamtwertung hatten die deutschen Fahrer seit den Zeiten von Jan Ullrich und Andreas Klöden nichts mehr zu tun. Das könnte sich ändern, nachdem Emanuel Buchmann – 2017 schon Gesamt-15. – noch einmal einen Sprung machte. „Ich will unter die besten Zehn“, sagt der Ravensburger. Sein Teamkollege Marcus Burghardt traut dem Leichtgewicht (62 Kilogramm) gar den Sprung unter die besten fünf zu.

Die deutschen Radsport-Fans müssen sich an jüngere Gesichter gewöhnen. Deutschlands Rekord-Etappensieger Marcel Kittel hat sich eine persönliche Auszeit genommen und fehlt wie der nicht nominierte John Degenkolb. Die Hoffnungsträger sind stattdessen der deutsche Meister Maximilian Schachmann oder der Paris-Roubaix-Zweite Nils Politt. Beides Fahrer, mit denen eher auf schwereren Etappen zu rechnen ist.

Der Schwerpunkt der 106. Tour liegt in den Bergen. „Die höchste Tour der Geschichte“, sagt Tourchef Christian Prudhomme. Sieben Etappen durch das Hochgebirge, davon fünf Bergankünfte, warten auf die Fahrer. Sogar der 2770 Meter hohe Iseran-Pass, das Dach der Tour, gehört dem Programm an.

Los geht es aber in Brüssel, wo sich Routinier Tony Martin auf einen „Ausnahmezustand“ in Sachen Begeisterung freut. Der besteht auch für die Polizei, denn das Thema Sicherheit ist in einer Stadt, in der schon Terrorattacken stattfanden, naturgemäß noch stärker im Fokus. In diesem Jahr werden 29 000 Polizisten während der Tour de France im Einsatz sein. Die erste Etappe steht ganz im Zeichen von Merckx, der im Brüsseler Vorort Woluwé-Saint-Pierre aufwuchs. 100 Jahre Gelb, 50 Jahre Merckx – ein anderes Jubiläum wollen die Veranstalter dagegen schnell vergessen: Vor 20 Jahren stürmte ein gewisser Lance Armstrong zum ersten Toursieg und prägte eine dunkle Ära, die bis heute Schatten wirft. So hell kann das Gelbe Trikot gar nicht leuchten.