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Die Superstars fliegen nur hinterher

Oberstdorf. Die drei überragenden Athleten des vergangenen Jahrzehnts sprangen zum Auftakt der Vierschanzentournee hinterher. Die rasante Entwicklung in der Weltspitze hat Gregor Schlierenzauer, Kamil Stoch und Simon Ammann überrollt. Christoph Leuchtenberg,Erik Roos (sid)

Gregor Schlierenzauer rutschte nach seinem Hüpfer mit hängenden Schultern zu Tal, Kamil Stoch wackelte in der Luft wie ein Lämmerschwanz, und selbst der unverwüstliche Simon Ammann sprang der Konkurrenz meilenweit hinterher. Die bestimmenden Skispringer des vergangenen Jahrzehnts haben beim Auftakt der Vierschanzentournee mehr oder weniger Offenbarungseide abgelegt. Die technische Revolution im Schanzensport frisst ihre Väter.

Mit 25 ein Auslaufmodell?

"Ich springe nicht gut, da kann nichts Gutes herauskommen", sagte Schlierenzauer nach Platz 31 in Oberstdorf . Der Weltcup-Rekordsieger aus Österreich, vor kurzem noch unumschränkter Superstar der Lüfte, hat den dramatischsten Absturz hingelegt. Am Schattenberg verpasste er zum zweiten Mal in seiner Karriere den zweiten Durchgang eines Tournee-Springens (zuvor Bischofshofen 2008). Er erscheint zum Jahreswechsel als hoffnungslos überholtes Auslaufmodell. "Dabei bin ich noch verdammt jung", sagte der 25-Jährige.

Für Schlierenzauer sollte die Tournee die Wende zum Guten bringen, nachdem er sich zuletzt aus dem Weltcup und in eine norwegische Blockhütte zurückgezogen hatte. Doch jetzt ist die Tour bereits nach Berg eins gelaufen. Der feingliedrige Schlierenzauer ist nicht nur eine sensible Persönlichkeit, auch sein Flugsystem ist fragil. Über die Jahre hinweg hat er es akribisch aufgebaut und perfektioniert. Doch die stetigen kleinen Regeländerungen in Sachen Ski, Anzug oder Wind zerschossen Schlierenzauers Basis. "Wer sein System nicht findet, hat Probleme, auch wenn er Olympiasieger ist", sagt Schlierenzauer.

Kamil Stoch geht's ähnlich. 2013 und 2014 dominierte der Pole, wurde Doppel-Olympiasieger und Weltmeister, zudem Weltcup-Gesamtsieger. In Oberstdorf war Stoch 23. - und es war noch einer seiner besseren Saison-Wettkämpfe. "Ich habe Probleme, eine Menge fehlt. Aber ich sehe Licht am Ende des Tunnels", sagte der 28-Jährige, der im Flug verunsichert wirkt.

Im Vergleich dazu kriselt Simon Ammann auf hohem Niveau. Zwölfter war der 34-jährige Schweizer in Oberstdorf , sein zweitbestes Saisonresultat. Den Traum vom ersten Tournee-Sieg kann der doppelte Doppel-Olympiasieger aber begraben. "Für mich ist es anspruchsvoll, trotz mangelhafter Technik einen solchen Wettbewerb zu springen", sagte Ammann. Nach seinem schweren Sturz bei der Vorjahrestournee in Bischofshofen änderte Ammann seine Technik massiv, er landet nun mit dem rechten Fuß voran - eine riesige Umstellung. Und so springt Ammann bei der Tournee vor allem für sich selbst. "Die Gesamtwertung ist weit weg, ich konzentriere mich auf meine eigenen Sprünge", sagt er. Keine einfachen Zeiten für altgediente Helden.

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HintergrundZu später Stunde spendierte Severin Freund dem kompletten Tross im Team-Hotel eine Runde Bier, dann begann für den Auftaktsieger der Tournee die Vorbereitung auf das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen (Freitag, 14 Uhr, ZDF ). "Ich bin noch nicht da, wo ich bei der WM war. Aber das Potenzial ist vorhanden", sagte der Weltmeister.Bundestrainer Werner Schuster sieht derweil trotz des Siegs von Freund den Slowenen Peter Prevc weiter in der Favoritenrolle. "Im Moment ist Peter noch der bessere Springer. In Oberstdorf hatte er Pech mit dem Wind. Aber Severins spezieller Charakterzug ist, dass er mit jedem Erfolg mental stärker wird. Im Unterschied zu anderen, die in ein Loch fallen, wenn sie ein Ziel erreicht haben."sid/dpa