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Radsport
Die Luft für Sky wird immer dünner

Der britische Radprofi Bradley Wiggins jubelt im Juli 2012 nach seinem Sieg bei der Tour de France in Paris. Dabei habe er eine „ethische Linie“ überschritten, heißt es auf der Insel.
Der britische Radprofi Bradley Wiggins jubelt im Juli 2012 nach seinem Sieg bei der Tour de France in Paris. Dabei habe er eine „ethische Linie“ überschritten, heißt es auf der Insel. FOTO: Nicolas Bouvy / dpa
London. Ein staatlicher Bericht belastet das erfolgreiche Radsport-Team und den Tour-Sieger von 2012, Bradley Wiggins.

Für englische Medien ist es das mögliche „Todesurteil“ für Sky, denn jetzt belastet auch noch die heimische Politik das britische Radsport-Team. In einem hochbrisanten Bericht klagt ein Sonderausschuss des Parlaments an, Sky habe medizinische Ausnahmegenehmigungen missbraucht, um mit Bradley Wiggins an der Spitze die Tour de France 2012 zu gewinnen.

Der Vorwurf ist nicht neu, gewinnt aber durch den Fakt, dass es sich beim „Ankläger“ um eine staatliche Einrichtung handelt, enorm an Wucht. Sky steht wegen des Falls Wiggins und der Salbutamol-Affäre um den viermaligen Tour-de-France-Sieger Christopher Froome seit geraumer Zeit unter Druck. Froome und seine Teamkollegen starten ab morgen beim Radrennen Tirreno-Adriatico – der Verdacht fährt nun noch stärker mit.

Der Bericht des Department for Digital, Culture, Media and Sport (DCMS) sieht es als erwiesen an, dass Wiggins und möglicherweise auch dessen Helfer im Team Sky zur Vorbereitung auf die Tour unter dem Deckmantel von Ausnahmegenehmigungen leistungssteigernde Kortikoide konsumiert haben. Dies stelle zwar keine explizite Verletzung des Anti-Doping-Codes der Welt-Anti-Doping-Agentur dar, aber Teammanager David Brailsford habe „die ethische Linie“ überschritten, die sich das Team einst selbst gesetzt habe. Die Mittel seien genutzt worden, um die Leistungen der Fahrer zu steigern – und „nicht aus medizinischer Notwendigkeit“. Das Mannschafts-Ethos des „sauberen Siegens“ sei aus Erfolgsgier über Bord geworfen worden, klagte das Sportministerium an.



Die ominöse Medikamentenlieferung an Wiggins im Jahr 2011 wird in dem Bericht überdies als unglaubwürdig eingestuft. Anders als von Sky und Wiggins stets behauptet, dürfte das Päckchen auch nicht das Hustenmittel Fluimucil, sondern das Kortikoid Triamcinolon enthalten haben, hieß es. Das DCMS stützt sich in den Untersuchungen hauptsächlich auf die Aussagen eines Zeugen, der aufgrund seiner Stellung als glaubwürdig eingestuft wurde.

Wiggins, der 2012 als erster Brite die Gesamtwertung der Tour de France gewann, wies die Anschuldigungen von sich. „Ich finde es traurig, dass Anschuldigungen erhoben werden können, bei denen Leuten Dinge vorgeworfen werden, die sie nie getan haben, die aber als Fakten angesehen werden“, sagte Wiggins. Er werde sich in den nächsten Tagen detailliert äußern, um die Vorwürfe auszuräumen, ergänzte der fünfmalige Olympiasieger.

Gegen den Vorwurf der Einnahme von Triamcinolon zu Zwecken der Leistungssteigerung hatte sich Wiggins bereits gewehrt, als die Sache durch die russische Hacker-Gruppe „Fancy Bears“ 2016 ans Licht gekommen war. „Es ging nicht darum, einen unfairen Vorteil zu erlangen. Ich leide mein Leben lang unter Asthma. Ich bin damals zu meinem Teamarzt gegangen, und wir haben einen Spezialisten aufgesucht, um die Probleme zu behandeln“, hatte Wiggins behauptet.

Die Luft wird für Sky aber dünner, vor allem für Teammanager Brailsford. Es ist kaum vorstellbar, dass die Mannschaft eine Zukunft mit dem 54-Jährigen als Entscheidungsträger hat. Auch der Report legt Brailsford einen Abschied nahe.