| 23:42 Uhr

Handball-EM in Kroatien
Die Bad Boys sind zum Siegen verdammt

Die Anweisungen von Bundestrainer Christian Prokop (Mitte) werden von seinen Nationalspielern – hier Finn Lemke, Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler (von links) – nicht optimal umgesetzt.
Die Anweisungen von Bundestrainer Christian Prokop (Mitte) werden von seinen Nationalspielern – hier Finn Lemke, Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler (von links) – nicht optimal umgesetzt. FOTO: Monika Skolimowska / dpa
Varazdin. Die deutsche Handball-Nationalmannschaft startet heute gegen Tschechien in die EM-Hauptrunde. Verlieren ist verboten.

Die Abwehr ist wieder ein Bollwerk, doch der Angriff kommt nicht auf Touren: Nach einer durchwachsenen EM-Vorrunde mit nur einem Sieg machten sich Deutschlands Handballer gestern mit gemischten Gefühlen auf den Weg von Zagreb nach Varazdin. „Wir sind jetzt zum Siegen verdammt“, sagte Verbands-Vizepräsident Bob Hanning vor dem ersten Hauptrundenduell gegen Tschechien am heutigen Freitag (18.15 Uhr/ZDF): „Es gibt keine Alibis mehr. Jetzt muss die Truppe liefern. Die Wahrheit liegt in diesen 60 Minuten.“

Es rumort bei den Bad Boys, die im bisherigen Turnierverlauf noch nicht ihr Potenzial abgerufen haben. Angesichts aufkommender Kritik fühlte sich Hanning vor dem wichtigen Spiel daher berufen, Bundestrainer Christian Prokop demonstrativ den Rücken zu stärken. „Ich bin ja nicht sein Verteidigungsminister“, sagte Hanning: „Aber er versucht zu korrigieren, zu helfen und der Truppe Stabilität zu geben.“

Bislang ist Prokop, der in Kroatien das erste Großturnier erlebt, mit seinen Ideen aber noch nicht zu all seinen Schützlingen durchgedrungen. „Jeder einzelne Spieler muss ein paar Prozentpunkte obendrauf legen, dann werden wir als Mannschaft auch wieder so auftreten, wie man sich das wünscht“, sagte Torwart Silvio Heinevetter.



Das ist bitter nötig, denn eine Niederlage heute würde wohl das vorzeitige Ende aller Medaillenträume bedeuten. Dann müsste sich der Verband unbequeme Fragen gefallen lassen. Das weiß auch Hanning: „Wenn wir das Spiel verlieren, haben wir Ziele nicht erreicht, dann haben Dinge nicht funktioniert.“

Prokop fordert deshalb, dass sich die Mannschaft endlich auf ihre Stärken besinnt. „Es ist wichtig, dass wir mit noch mehr Explosivität spielen“, sagte er. Auch ihm ist die Anspannung nach der nicht überzeugenden Vorrunde deutlich anzumerken. Der Druck ist enorm groß geworden. „Wir haben einige Junge im Kader, die Erfahrungen sammeln müssen. Aber dafür ist keine Zeit“, sagte Prokop: „Wir brauchen das eine oder andere Erfolgserlebnis.“

Immerhin hat sich die Defensive dank des kurzfristig zurückgeholten Abwehrbosses Finn Lemke stabilisiert. Der 25-Jährige, der beim EM-Triumph in Polen zu den großen Stützen zählte, gab der Deckung beim 25:25 im Gruppenfinale gegen Mazedonien mehr Stabilität und soll seine Mitspieler auch emotional aufrütteln. „Er wird auch in den kommenden Spielen einen entscheidenden Part einnehmen“, sagte Bundestrainer Prokop, der zu Turnierbeginn überraschend auf Lemke verzichtet hatte.

In den bisherigen Spielen hat die deutsche Auswahl die Unbekümmertheit, mit der sie vor zwei Jahren sensationell zum Titel gestürmt war, vermissen lassen. Für Hanning kommt dies nicht überraschend. „Die Lockerheit und Leichtigkeit von damals kommen nicht wieder, die findest du als Titelverteidiger nicht mehr“, sagte er: „Aber das Selbstbewusstsein und die innere Stärke musst du wiederfinden.“

Daran mangelt es derzeit zu vielen Spielern. Vor allem im Rückraum. „Fäth, Kühn, Weber – die können noch mehr“, stellte Hanning kritisch fest: „Die PS, die die Truppe hat, müssen auf die Straße.“

„Wir haben über alle Dinge gesprochen, um auch die kleinsten Steine aus dem Weg zu räumen, sodass wir wieder unseren Tugenden nachgehen können und uns wieder aufs Handballspielen konzentrieren“, sagte Kühn. In der Vorrunde gaben vor allem seine Auftritte Rätsel auf. Der mit Abstand beste Feldtorschütze der Bundesliga (6 Tore im Schnitt) kommt in Kroatien bislang überhaupt nicht in Schwung. In den drei Vorrundenspielen stand der Zwei-Meter-Koloss lediglich zwölfeinhalb Minuten pro Partie auf dem Feld und erzielte dabei insgesamt gerade einmal vier Treffer.

„Es ist ganz komisch. Es ist ja nicht nur bei mir so, dass es nicht läuft. Woran es liegt, ist schwierig zu sagen. Ich mache mir viele Gedanken“, sagte Kühn. Die Euphorie der ersten Tage sucht man im deutschen Team derzeit vergebens. Auch Kai Häfner, in der Liga drittbester Schütze aus dem Feld, und der in Berlin überragende Steffen Fäth kommen bislang kaum zur Geltung. „Wir brauchen jetzt einfach ein Spiel, wo es mal im Angriff richtig gut läuft. Es gilt jetzt, wieder in die Spur zu finden“, so Kühn.

Möglichst schon gegen das Überraschungsteam aus Tschechien. „Die rocken bisher das Turnier, so wie wir das 2016 gemacht haben“, lobte Hanning den Rivalen.