| 23:31 Uhr

DFB-Pokal-Finale
Die Eintracht im Ausnahmezustand

 Eintracht Frankfurts Trainer Niko Kovac (Mitte) und seine Spieler bejubeln ihren Triumph im Finale des DFB-Pokals gegen den großen Favoriten FC Bayern München.
Eintracht Frankfurts Trainer Niko Kovac (Mitte) und seine Spieler bejubeln ihren Triumph im Finale des DFB-Pokals gegen den großen Favoriten FC Bayern München. FOTO: dpa / Arne Dedert
Frankfurt. Frankfurt feiert Pokalcoup und seinen scheidenden Trainer Kovac, in München ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt.

Niko Kovac hatte Tränen der Rührung in den Augen – schon wieder. Die 100 000 Fans beim Autokorso, die 70 000 Anhänger auf dem Römerberg, der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt – sein Abschied von DFB-Pokal-Sieger Eintracht Frankfurt wurde dem ergriffenen Trainer nicht leicht gemacht. „Meine Lieben“, rief Kovac den Massen zu, als er seine Stimme wiedergefunden hatte: „Es war ein wunderschöner Tag nach einem historischen Spiel. Der Pokal ist ein Geschenk von uns an Euch.“

Ähnlich emotional war es schon in der Nacht zugegangen. Die feuchtfröhliche Pokalparty vor dem Brandenburger Tor war bereits in vollem Gange, als Kovac der jubelnden Fanschar noch einmal die Trophäe entgegenreckte. Beseelt vom ersten Titel seit 30 Jahren lauschte der Erfolgstrainer den Gesängen, die Berlin auch weit nach Mitternacht erfüllten. „Ihr habt immer zu uns gehalten“, schrie Kovac vom Balkon: „Ich freue mich, Teil eurer Geschichte zu sein!“ Spätestens nun waren all die Anfeindungen und Beschimpfungen vergessen, die der 46-Jährige wegen seines bevorstehenden Wechsels zu den Bayern hatte ertragen müssen. Die Anhänger feierten Kovac – und der genoss. Es war das filmreife Ende einer (größtenteils) wundervollen Ehe.

„Irgendwann im Leben kommen Situationen, die nicht ganz einfach sind“, sagte Kovac. Sein sensationeller Triumph im Endspiel des DFB-Pokals gegen die scheinbar übermächtigen Bayern war so ein Moment, und der ging dem emotionalen Trainer sichtlich nahe. „Ich werde den Club nie vergessen. Das alles wird immer in meinem Herzen bleiben.“ Kovac, der eine lebenslange Mitgliedschaft im Verein besitzt, meinte die Rettung in der Relegation vor zwei Jahren, die er nach einer kurzen Eingewöhnungsphase im kniffligen Umfeld am Main erreicht hatte. Er meinte ebenso die unglückliche Pokalniederlage im Vorjahr, die den Verein noch enger zusammenrücken ließ. Und natürlich den großen Schlusspunkt am Samstag, der bis um 6.30 Uhr mit kalten Getränken aus dem goldenen Pokal gefeiert wurde.



„Der Erfolg gehört zu 90 Prozent Niko“, schwärmte der gebürtige Berliner Kevin-Prince Boateng: „Seine Ansprache hat uns wieder auf den Punkt motiviert.“ Aber nicht nur die war gegen ratlose Münchner das Erfolgsgeheimnis der Eintracht, die unter Kovac somit nur eines von 14 K.o.-Spielen verloren haben. Auch die Spielweise der cleveren Frankfurter belegte die taktischen Fähigkeiten von Kovac, von denen künftig der Rekordmeister profitieren wird. „Niko hat das Team perfekt eingestellt und die richtigen Knöpfe gedrückt“, lobte Bayern-Sportdirektor Hasan Salihamidzic.

Hinzu kam die Klasse von Angreifer Ante Rebic, der die Eintracht vor dem Schlussakkord von Mijat Gacinovic (90.+6) mit seinem Doppelpack (11./82.) zwei Mal in Führung gebracht hatte – und letztlich das „Glück des Tüchtigen“ (Kovac), das die Hessen bei der Videobeweis-Entscheidung von Schiedsrichter Felix Zwayer kurz vor Schluss besaßen. „Ich treffe ihn ganz klar, den muss er pfeifen“, sagte Boateng, der Bayerns Javi Martinez im Strafraum zu Fall gebracht hatte.

Derweil hatte die Meisterfeier des FC Bayern, die am Sonntag am Münchner Marienplatz über die Bühne ging, teilweise den Eindruck einer Trauerfeier. Der scheidende Trainer Jupp Heynckes wäre mit dem DFB-Pokal „freudestrahlend hingegangen“, sagte er über die Pflicht-Party am Sonntagnachmittag vor Tausenden Fans, aber so? Heynckes gab damit die allgemeine Stimmung beim erfolgsverwöhnten FC Ruhmreich wieder. Ein Foto, das Präsident Uli Hoeneß und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge mit weit nach unten gezogenen Mundwinkeln völlig ratlos zeigt, sprach Bände. Nationalspieler Thomas Müller sprach vor dem „bitteren Gang“ mit der Meisterschale zu den Fans von einer „Riesen-Riesen-Niederlage“: „Es hätte was Großes werden können dieses Jahr, jetzt stehen wir da mit gefühlt leeren Händen, und jeder ist extrem unzufrieden.“

 In dieser Szene spitzelt Ante Rebic (links) den Ball an Bayern-Torwart Sven Ulreich vorbei zum 2:1 für die Frankfurter Eintracht.
In dieser Szene spitzelt Ante Rebic (links) den Ball an Bayern-Torwart Sven Ulreich vorbei zum 2:1 für die Frankfurter Eintracht. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert