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Fußball-Nationalmannschaft
Löw auf der Suche nach Balance und neuen Chefs

Leipzig. Auch im Freundschaftsspiel in Leipzig gegen Russland steht der Neuaufbau der deutschen Nationalmannschaft auf dem Prüfstand. Marco Reus fällt aus. dpa

Es ist zwar nur ein Probelauf, aber einen weiteren Rückschlag bei der Mission „Wiedergutmachung des WM-Desasters“ will Joachim Löw unbedingt vermeiden. Der Bundestrainer stellte das Testspiel der Fußball-Nationalmannschaft gegen Russland und vor allem das mögliche Abstiegs-Endspiel in der Nations League gegen die Niederlande unter das Motto „Zurück in die Erfolgsspur“. Sechs Partien gingen in diesem Jahr bisher verloren – ein Negativrekord in der 111-jährigen Länderspiel-Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes.

Löw und seine Spieler wissen, was am heutigen Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) in Leipzig gegen die positive WM-Überraschung Russland und vier Tage später in Gelsenkirchen gegen die wiedererstarkten Niederländer auf dem Spiel steht: die Stimmung. Mit einer breit angelegten Charme-Offensive vor allem bei jugendlichen Fans hat der DFB schon vor dem Anpfiff in der bei Weitem nicht ausverkauften Arena in Leipzig versucht, die Begeisterung für den brutal entthronten Weltmeister neu zu beleben. Jetzt aber zählt nur die Leistung auf dem Platz.

Löw muss den Neuaufbau fortsetzen und sucht gegen Russland die richtige Mischung. Nach den Mut machenden Signalen beim 1:2 gegen Frankreich im Oktober sieht sich die neue Generation im Nationalteam in einer gestärkten Position. „Gegen Russland können wir uns mehr beweisen und ein bisschen mehr Druck ausüben“, erklärte Angreifer Leroy Sané (22). Der Jungstar von Manchester City zählt mit dem Leipziger Timo Werner (22), dem Leverkusener Julian Brandt (23) sowie den Münchnern Serge Gnabry, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Niklas Süle (alle 23) zur ersten Kategorie bei dem Umbruch.



Der Bundestrainer, der auf den angeschlagenen Marco Reus (geschwollener Knöchel und Fußprellung) verzichten muss, verwies erneut auf die nötige Balance: „Die Jungen werden noch ein bisschen brauchen.“ Auch aus Dank für seine Weltmeister von 2014 hatte der Bundestrainer lange gezögert, Typen wie Sami Khedira abzulösen. Denn Löw weiß: Sein Team braucht auch Führungspersönlichkeiten, um wieder zurück zu alter Stärke zu finden.

Nur wer könnte die Führungsaufgabe von Khedira, Jérôme Boateng oder Thomas Müller einmal einnehmen? „Man muss die nächsten Jahre abwarten“, sagte Löw: „Am weitesten, was die Reife betrifft, ist Joshua Kimmich. Er ist schon sehr stabil über die letzten Jahre. Auch Leon Goretzka ist jemand, dem ich das zutraue. Dazu benötigt es konstante Leistungen im Club, international und in der Nationalmannschaft.“ Insgesamt gebe es aber nicht „die Fülle an hochkarätigen Talenten. Da sind einige dabei, aber nicht in der Anzahl wie früher“, ergänzte Löw.

Der Schlüssel gegen Russland und dann auch gegen die Niederlande muss eine neue Schnelligkeit im Spiel sein. Ein Trend im Spitzenfußball, der am DFB-Team vorbeigegangen zu sein schien. Löw wehrt sich zwar dagegen: „Man muss sich immer daran orientieren, wie die Kontrahenten gegen uns spielen: Sie stehen in der eigenen Hälfte. Da ist ein schnelles Konterspiel nicht machbar.“ Aber klar sei: „Die Geschwindigkeit im letzten Drittel und die Laufwege sind entscheidend.“