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Der Überflieger aus Norwegen

München. Jung, cool, erfolgreich: Der Norweger Henrik Kristoffersen hat Felix Neureuther abgelöst als den großen Rivalen von Slalom-Star Marcel Hirscher. Die Eta blierten im alpinen Rennzirkus sind mächtig beeindruckt. Sid-Mitarbeiterthomas Häberlein

Felix Neureuther klang ein bisschen so, als müsse er sich Mut zusprechen für die kommenden Wochen. "Ich bin sicher", sagte er nach seinem achten Rang am Sonntag im schweizerischen Adelboden, "ich kann auch so schnell sein wie der Kristoffersen". Die Betonung liegt auf: kann.

Derzeit ist Neureuther wegen der Nebenwirkungen seiner Rückenprobleme beileibe nicht so schnell wie "der Kristoffersen" - doch damit ist er nicht alleine. Marcel Hirscher aus Österreich etwa glaubt: "Er ist jetzt schon eine Klasse besser als der Rest im Slalom."

"Der Kristoffersen" heißt mit Vornamen Henrik, ist 21 Jahre alt, Norweger und im alpinen Weltcup derzeit das Maß der Dinge, wenn ein Slalom gefahren wird. Seine Bilanz in den vier Saison-Rennen in dieser Disziplin: Erster vor Hirscher, Erster vor Hirscher, Zweiter hinter Hirscher, Erster vor Hirscher, im Slalom-Weltcup ebenfalls: Erster vor Hirscher. "Henrik fährt einfach brillant. Das muss man schon anerkennen", erklärt Hirscher, der sich in den vergangenen Jahren stets mit Neureuther duelliert hatte.

Kristoffersen, 1,79 Meter groß, 75 Kilo schwer, ist im Vergleich zu seinen oft muskelbepackten Kollegen eher ein Hänfling. Aber: "Er ist unfassbar abgebrüht", sagt Neureuther, und im Moment, ergänzt der WM-Zweite Fritz Dopfer , "ist er der stabilste Slalomfahrer". Heißt: Keiner steht bei hohem Tempo und maximalem Risiko so sicher auf den Skiern. Tatsächlich ist der junge Mann aus Lorenskog südöstlich von Oslo bei bisher 32 Starts in einem Weltcup-Slalom erst zwei Mal ausgeschieden.

Dabei ist Kristoffersen keiner, in dessen Adern nun dauerhaft Eiswasser fließt. Vielmehr muss er sich vor Rennen regelmäßig übergeben, eine Eigenart, die auch von Fußball-Star Lionel Messi bekannt ist. "Ich weiß auch nicht, warum das passiert", erzählt Kristoffersen: "Ich bin nicht nervös, aber es ist wohl so, dass mein Magen und Körper dem Druck nicht standhalten." Und es ist nicht der Druck von außen, der dies auslöst: "Den Druck, den ich spüre, übe ich selbst aus."

Kristoffersens Aufstieg kommt nicht von ungefähr und schon gar nicht unerwartet. "Er gehört seit drei Jahren zur Weltspitze", sagt der deutsche Alpindirektor Wolfgang Maier, der den eher milchgesichtigen Kristoffersen auch schon als "Wunderkind" und "Mozart auf Ski" bezeichnet hat. Trainiert wird er von seinem Vater Lars. Die Beziehung ist wohl nicht immer die allerbeste, dafür aber erfolgreich. Schon bei Junioren-Weltmeisterschaften hatte Kristoffersen sechs Mal Gold geholt - Rekord.

Seinen ersten Weltcup-Sieg feierte Kristoffersen bereits vor zwei Jahren: Er gewann den legendären Nachtslalom vor 50 000 Zuschauern in Schladming - vor Hirscher und Neureuther. Kurz darauf wurde er mit Bronze in Sotschi zum jüngsten alpinen Medaillengewinner bei Olympia. Am Sonntag in Adelboden gewann er seinen sechsten Slalom. Sollte er auch am kommenden Sonntag in Wengen nicht zu schlagen sein, hätte Kristoffersen seinen Landsmann Finn Christian Jagge eingeholt. Jener Jagge war 1992 Olympiasieger und erklärt, was seinen designierten Nachfolger so stark macht: "Die anderen haben Angst vor ihm. Aber er nicht vor ihnen."