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Tour de France
Der schwarze Tag des Jan Ullrich

Lange konnte Jan Ullrich den Italiener Marco Pantani in Schach halten – bis ihn der Hunger-Ast ereilte.
Lange konnte Jan Ullrich den Italiener Marco Pantani in Schach halten – bis ihn der Hunger-Ast ereilte. FOTO: dpa / Gero Breloer
Saint-Lary-Soulan. Vor 20 Jahren erlitt der einzige deutsche Tour-Sieger einen dramatischen Einbruch.

Das Gelbe Trikot war nur noch schiere Hülle, und in ihr steckte ein Häuflein Elend: Durchnässt, bitterlich frierend und am Ende seiner Kräfte quälte sich Jan Ullrich hinauf nach Les Deux-Alpes. Daheim an den Bildschirmen verfiel die neugeborene Radsport-Nation Deutschland in Schockstarre. „Es war die schlimmste Etappe meines Lebens“, sagte Ullrich später über jenen 27. Juli 1998. Ein Tag, der für ihn ein Wendepunkt war, der den öffentlichen Blick auf einen jungen Helden veränderte, der eine ganze Sportart im Alleingang in den Fokus gehievt hatte. Für den damals 24-Jährigen war es gewissermaßen der Anfang vom wenig ruhmreichen sportlichen Ende.

Ullrich war als Topfavorit angetreten – ein Jahr, nachdem er als erster deutscher Sieger des härtesten Rennens der Welt zum Superstar geworden war. Ullrich stand für schiere Kraft. Nichts deutete darauf hin, dass sich dies nun ändern würde. Doch dann kam dieser verfluchte Galibier. Ullrich hatte im lausigen Wetter weit in den Anstieg des über 2600 Meter hohen Tour-Riesen mit seinen Helfern Bjarne Riis und Udo Bölts alle Angriffe pariert. Doch dann attackierte Marco Pantani, der Italiener mit dem Piratentuch. Und Ullrich? Reagierte nicht, konnte nicht, blieb ohnmächtig im Sattel sitzen. Er beging Fehler, die ihm zum Verhängnis wurden: Pantani, der berits 2004 mit 34 Jahren starb, ließ sich vor der Abfahrt eine wärmende Jacke reichen, Ullrich nicht. Pantani aß, Ullrich nicht. Ein Defekt kurz vor dem Schlussanstieg tat sein Übriges: Es wurde ein Drama.

„Mein Zuckerspeicher war leer“, erzählte Ullrich, der Les Deux-Alpes mit neun Minuten Rückstand erreichte: „Ich war so kaputt, dass meine Betreuer mich auf dem Rad zum Hotel schieben mussten. Dort haben sie mich ins Zimmer geschleppt, ausgezogen, legten mich zwei Stunden lang in die Badewanne und fütterten mich.“ Einen Tag später gewann Ullrich immerhin die Etappe nach Albertville, wurde Tour-Zweiter. Den Nimbus der Unbesiegbarkeit aber hatte er eingebüßt. Er trug nie wieder das Gelbe Trikot, gewann nie wieder die Tour.



Sicher, Ullrich wurde Vuelta-Sieger 1999, holte Olympiagold 2000. Doch Schlagzeilen machte er vor allem mit Gewichtsproblemen, privaten Eskapaden und seiner endlos-unsäglichen Dopinggeschichte. Die Zweifel, die jener schwarze Tag in den Alpen weckte, zogen sich durch sein Sportlerleben.