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Der pure Fußball-Wahnsinn
Der pure Fußball-Wahnsinn

 Der späte 4:4-Ausgleich nach 0:4-Pausenrückstand fühlte sich für die Schalker Spieler wie ein Sieg an.
Der späte 4:4-Ausgleich nach 0:4-Pausenrückstand fühlte sich für die Schalker Spieler wie ein Sieg an. FOTO: dpa / Friso Gentsch
Dortmund. 4:4 nach einer 4:0-Halbzeitführung: Trotz des historischen Zusammenbruchs im Derby gegen Schalke 04 bekommt Borussia Dortmunds Trainer Peter Bosz eine Gnadenfrist.

Dem Derby-Desaster für die Ewigkeit folgte der Spießrutenlauf. Unter Pfiffen und Buhrufen schlichen der schwer angezählte Trainer Peter Bosz und die Profis von Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund gestern in die Mitgliederversammlung – mit gesenkten Köpfen, im Gesicht noch das Entsetzen über ein phänomenales Spiel, das unvergessen bleiben wird. Doch trotz des historischen Zusammenbruchs beim 4:4 nach 4:0 gegen Schalke 04: Bosz erhält eine letzte Gnadenfrist.

„Ich fühle mich genauso beschissen wie ihr alle!“, rief Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke den gut 1200 Mitgliedern in der Westfalenhalle zwischen Pils und Erbsensuppe kämpferisch zu. „So etwas habe ich noch nie erlebt! Das Problem ist aber, dass es keine Patentlösung gibt.“ Und keine schnelle Alternative. Bosz, den die Mitglieder auspfiffen, bleibt. Vorerst – und mit dem deutlichen Auftrag, „ohne Denkverbote jeden Stein umzudrehen“.

Nach dem sagenhaften Derby-Schlussakkord waren die Emotionen schon am Samstag übergekocht. Schalke-Torhüter Ralf Fährmann und BVB-Urgestein Nuri Sahin lösten mit einem giftigen Gerangel eine Massenschubserei aus, wütende Fans wollten von der Süd­tribüne den Innenraum stürmen. 100 Meter entfernt stießen übereifrige Ordner die Schalker Helden von ihren ekstatischen Anhängern weg. Einig waren sich alle nur in einem: Solch ein Derby hatte es in 92 Jahren noch nie gegeben.



„Purer Wahnsinn!“, sagte Fährmann nach dem 173. Duell der Erzrivalen. „Wenn man das als Buch verfasst hätte, hätte man sich gefragt: Was ist das denn für ein Schwachsinn?“ Auch Bosz war fassungslos. „Wenn man nicht dabei war, kann man es nicht glauben! Das darf niemals passieren“, sagte der Niederländer, der zumindest am kommenden Samstag bei Bayer Leverkusen noch auf der Bank sitzen wird. Schockiert hatte er nach einer grandiosen ersten Halbzeit ansehen müssen, wie seine Mannschaft kollabierte.

„Du führst 4:0 und hast sie komplett zerlegt“, klagte Sahin, „wir können noch eine Stunde reden – ich habe keine Erklärung.“ Die hatte auch Bosz nicht. „Man fühlt im Körper nur Enttäuschung“, sagte er, „das ist ein sehr schlechtes Ergebnis.“ Kapitän Marcel Schmelzer forderte seine Mitspieler auf, „die Arschbacken zusammenzukneifen“.

Die Vereinsführung reagiert auf den fatalen Absturz mit „Ruhe und Besonnenheit“, wie Watzke betonte. Dabei verzog er das Gesicht, denn lange hatte es am Samstag nach einer historischen Demütigung des Erzrivalen ausgesehen. Der BVB lag durch Pierre-Emerick Aubameyang (12.), ein Eigentor von Benjamin Stambouli (18.), Mario Götze (20.) und Raphael Guerreiro (25.) 4:0 vorne – so schnell wie zuletzt vor 53 Jahren in einem Derby.

Schalke-Trainer Domenico Tedesco hielt die weiße Fahne in der Hand. „Das 0:4 war die Hölle. Nach 25 Minuten habe ich den vierten Offiziellen gefragt, ob wir nur 70 Minuten spielen dürfen“, berichtete er.

Dann kam die Sensations-Rückkehr. Guido Burgstaller (61.) und Amine Harit (65.) rissen die anfangs überforderten Schalker aus der Schockstarre. Als Aubameyang Gelb-Rot sah (72.), „ist der Glaube zurückgekommen“, sagte Leon Goretzka: „Und auf der anderen Seite hat es angefangen zu rattern.“ Daniel Caligiuri (86.) und Naldo (90.+4) vollbrachten schließlich das Wunder und hielten Dortmund in der Tabelle auf Distanz.