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Der größte Außenseiter vor der Krönung

Leicester Citys Topstürmer Jamie Vardy (Zweiter von links) und seine Teamkollegen jubeln ausgelassen. Die erste Meisterschaft der 132-jährigen Clubgeschichte ist zum Greifen nah. Foto: Roddis/dpa
Leicester Citys Topstürmer Jamie Vardy (Zweiter von links) und seine Teamkollegen jubeln ausgelassen. Die erste Meisterschaft der 132-jährigen Clubgeschichte ist zum Greifen nah. Foto: Roddis/dpa FOTO: Roddis/dpa
London. Dem Sensations-Team Leicester City um Ex-Nationalspieler Robert Huth ist die Meisterschaft in der Premier League fünf Spiele vor Saisonende kaum mehr zu nehmen. Teammanager Claudio Ranieri ist bereits zu Tränen gerührt. sid-Mitarbeiter Marco Mader

Claudio Ranieri stand nach dem nächsten erfolgreichen Kapitel eines unglaublichen Fußball-Märchens auf dem Rasen des "Stadium of Light", als der Teammanager von Leicester City plötzlich von seinen Emotionen übermannte wurde. Nach dem 2:0 beim FC Sunderland wollte sich der 64-Jährige eigentlich nur bei den mitgereisten Fans bedanken, doch dann schossen ihm Freudentränen in die Augen.

Fünf Spiele vor Saisonende hat der Spitzenreiter der Premier League um den früheren Nationalspieler Robert Huth sieben Punkte Vorsprung auf Tottenham Hotspur (3:0 bei Manchester United ). Die erste Meisterschaft der 132-jährigen Clubgeschichte und eine der größten Sensationen in der Welt des Sports sind zum Greifen nah.

"Was ich fühle, ist schwer in Worte zu fassen", sagte Ranieri: "Die Fans träumen - und wir wollen träumen. Es ist eine verblüffende Saison, aber noch nicht der Tag für eine Party." Dann setzte der Italiener erneut zu seinem Mantra an, wonach Doppeltorschütze Jamie Vardy (66., 90.+5) und Co. weiter "von Spiel zu Spiel" denken müssten.

"Die Leute können gerne sagen, dass wir Meister werden, aber wir müssen uns auf das nächste Spiel gegen West Ham konzentrieren", sagte er. Nach den Hammers warten Swansea City, das Gastspiel bei Manchester United , der FC Everton und zum Abschluss das Auswärtsspiel beim FC Chelsea. Auf der Insel glaubt kaum jemand, dass Leicester noch strauchelt. Ranieri mahnte dennoch gebetsmühlenartig: "Wir müssen ruhig, konzentriert und fokussiert bleiben." Sein Team habe "noch nichts erreicht". Naja: Die Qualifikation für die Champions League ist quasi sicher. Abwehrspieler Huth kündigte via Twitter an, ein paar Kabinettsstückchen für die große europäische Fußball-Bühne einstudieren zu wollen. Zur Erinnerung: Vor einem Jahr kämpfte Leicester noch um den Klassenverbleib.

Ranieri, in seiner Zeit als Chelsea-Coach als wankelmütig verspottet, hat aus dem Außenseiter (Meisterquote 1:5000) einen Champion gemacht. 2016 sammelte kein Team mehr Punkte (33). In Sunderland gelang mit den früheren Bundesliga-Profis Christian Fuchs und Shinji Okazaki der fünfte Sieg in Serie, die Abwehr um Huth ist 490 Minuten unbezwungen - Clubrekorde.

Vardy jagt mit 21 Treffern die Vereins-Bestmarke aus der Saison 1984/1985 von Legende Gary Lineker (24 Tore). In Sunderland traf der englische Nationalspieler erstmals seit Valentinstag - auch, weil Ranieri ihn in der Pause anflehte: "Come on, Jamie! Wir brauchen dich, ich brauche dich!" Vardy erhörte seinen Chef und durfte sich über einen "großartigen" Sieg freuen. "Wir werden das für den Rest des Tages genießen", sagte er, "dann geht's wieder auf den Trainingsplatz. Wir sind noch nicht durch".

Jetzt, schrieb die BBC, könne Leicester "nur ein völlig überraschender Zusammenbruch" stoppen. Aber daran glaubt kaum einer, der diese Truppe erlebt.