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Fußball
Der blaue Albtraum ist unvergessen

 Das „Finale dahoam“ ist unvergessen. Die Spieler des FC Bayern liegen nach der Niederlage gegen den FC Chelsea enttäuscht auf dem Rasen.
Das „Finale dahoam“ ist unvergessen. Die Spieler des FC Bayern liegen nach der Niederlage gegen den FC Chelsea enttäuscht auf dem Rasen. FOTO: dpa / Peter Kneffel
München. Der FC Bayern verliert gegen den FC Chelsea 2012 das „Finale dahoam“ in der Champions League. Jetzt kommt es zum Wiedersehen. dpa

Bastian Schwein­steiger zieht sich das Trikot bis weit über die Stirn. Leere und unendliche Enttäuschung übermannen ihn. Nur weg von hier. Schweinsteiger hat seinen Elfmeter verschossen. Nicht irgendeinen, es ist der fünfte im Elfmeterschießen zwischen dem FC Bayern München und dem FC Chelsea im „Finale dahoam“.

Nun ist Chelsea dran. Und Chelsea verkörpert an diesem Abend in der Münchner Arena im Finale der Champions-League-Saison 2011/2012 vor allem einer: Didier Drogba. Der Ivorer macht es besser als Schweinsteiger. Drogba trifft. Manuel Neuer im Tor der Münchner ist geschlagen, Bayern ist besiegt. Und damit ist an diesem 19. Mai 2012 nach einem wahrhaft denkwürdigen Finale eine der bittersten Stunden in der Vereins-Historie der Münchner besiegelt.

„Natürlich sind das zunächst einmal keine schönen Erinnerungen“, sagt Philipp Lahm auch fast acht Jahre später noch. Lahm hatte die Bayern damals als Kapitän ins Stadion geführt. Er hatte vor dem Elfmeterschießen die Mannschaft noch mal eingeschworen und den ersten Versuch verwandelt. Sein Jubel in einem Stadion, das an diesem Abend eine Bühne voller Gefühls-Explosionen bot – zwischen purer Freude und wilder Entschlossenheit.



Die Bayern wollten die damalige Saison mit dem Henkelpott krönen. Schon zur Begrüßung hatten die Fans vor dem Anpfiff mit einer entsprechenden Choreographie klargemacht: „Unser Pokal.“ Im Halbfinale hatte sich das Team von Trainer Jupp Heynckes gegen Real Madrid durchgesetzt – im Elfmeterschießen.

Die K.o.-Gegner davor waren Olympique Marseille und der FC Basel. Die Gruppenphase hatten die Bayern als Erster vor dem SSC Neapel und dem FC Villarreal beendet. Was viele aber nicht mehr in Erinnerung haben dürften: Um überhaupt in die Champions League zu kommen, musste der FC Bayern in den Playoffs gegen den FC Zürich ran. Denn: Die Saison 2010/2011 hatten die Münchner hinter Borussia Dortmund und Bayer 04 Leverkusen nur als Dritter der Fußball-Bundesliga abgeschlossen.

Der Weg bis zum Finale war lang. Die Mannschaft von Jupp Heynckes war aber bereit. Franck Ribéry, Arjen Robben, einst bei Gegner Chelsea, dazu ein Thomas Müller mit damals 22 Jahren, ein Jérôme Boateng mit 23, ein Toni Kroos mit 22 oder ein Schweinsteiger mit 27.

Auf der anderen Seite stand die alte Garde des FC Chelsea, angeführt von Drogba. Jenem Spieler, der mit 34 Jahren zum Mann des Abends wurde, zum Hauptdarsteller eines Gänsehaut-Dramas mit Überlänge und den großen Verlierern des FC Bayern. „Das ist einer dieser Abende, an denen man sich fragt: Wäre es nicht besser gewesen, man wäre daheim geblieben und hätte das nicht erlebt?“, sagte Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge rund zwei Stunden nach Mitternacht und dem endgültigen Erwachen aus dem Traum des Triumphes im „Finale dahoam“.

München war in Festlaune, die Fans besonders. Der Gegner schien machbar, wenn auch maximal unbequem. Leverkusen hatte nach einer Auswärtsniederlage zu Hause gegen die Defensivkünstler gewonnen in der Gruppenphase. Über Neapel, Benfica Lissabon und den FC Barcelona führte der Weg der Blues zu den Bayern. Club-Besitzer Roman Abramowitsch ließ sich dieses Spiel nicht nehmen. Dass er wie ein glückseliger Bub mit baumelnden Beinen nach dem Spiel breit grinsend sein Team bejubeln würde, dürfte er nicht gedacht haben. „Es war eine verrückte Reise“, erinnert sich Frank Lampard: „Wir haben da auf Autopilot geschaltet.“

Schon als die Chelsea-Profis um den gesperrten John Terry noch im schicken Anzug die Arena begutachteten, deutete sich ein großer Abend an. Die Erwartungen an die Bayern waren riesig, Chelsea konnte fast nur gewinnen. Selbst wenn die Spielweise der Gäste unter Trainer Roberto di Matteo keineswegs preisverdächtig war.

Jede Bayern-Chance löste auf den Rängen Emotionsschübe aus. Vor allem, weil die Gastgeber zu viele davon vergaben. Es war klar: Je länger Chelsea kein Tor kassiert, umso schwerer wird es. „Wir durften ihnen keinen Raum geben. Das sieht nicht schön aus, war aber wirkungsvoll“, sagt rückblickend Chelseas Torwart-Ikone Petr Cech. Er trug auch dazu bei, dass es nach 80 Minuten immer noch 0:0 stand. Kein Fußball zum Genießen, aber ein Spiel zum Nervenzerreißen.

Die Bayern-Fans blickten immer gebannter zur Anzeigentafel. Nur noch gut zehn Minuten inklusive Nachspielzeit. Jetzt ein Tor – das wär’s. Und dann: Kroos flankt in den Strafraum auf Müller. Müller nimmt Maß mit dem Kopf und trifft mit einem Aufsetzer zum 1:0. Wie ein Irrwisch rennt er über den Platz, die Emotionen brechen heraus. Das Stadion bebt. Der Triumph ist nah.

„Das war das Ende“, dachte Lampard, der an diesem Dienstag (21 Uhr/Sky) die Bayern im Achtelfinale der Königsklasse als Chelsea-Trainer aufs Neue herausfordern wird, in dieser 83. Minute. War es nicht. Es war der Anfang des Bayern-Dramas. Nur fünf Minuten nach der Führung sorgt Drogba für den Stimmungsschock unter den Bayern-Fans. Ecke, Kopfball, Tor. Nun jubelt Chelsea. Verlängerung. Mehr Spannung geht nicht.

105. Minute: Wieder ist Drogba beteiligt. Er foult Ribéry im Strafraum. Elfmeter. Es ist die Chance für den FC Bayern. Robben schnappt sich den Ball. „Ich bin davon ausgegangen, dass er es eher mit Kraft anstatt mit Präzision versuchen würde. Dass er stramm schießen würde. Und solche Schüsse gehen gewöhnlich in eine Ecke“, erinnert sich Cech. Mit weit ausgebreiteten Armen steht er da, als wolle er Robbens Schuss willkommen heißen. Robben starrt auf den Ball, läuft an, schießt, flach, stramm – Cech hält. „Das war der Moment, in dem du dachtest, das Schicksal dreht sich in deine Richtung“, sagt Lampard.

„Wir hatten drei Matchbälle. Wir haben 1:0 geführt in der 83. Minute. Wir hatten einen Elfmeter in der Verlängerung. Wir haben beim Elfmeterschießen nach dem dritten Elfmeter auch noch geführt – und trotzdem haben wir es nicht geschafft“, klagte Vereins-Chef Rummenigge damals. Denn Chelseas Juan Mata scheiterte an Neuer. Dann aber verschossen Ivica Olic und eben auch Schweinsteiger, bevor Drogba seinen Triumph-Abend veredelte. „Mein Verhältnis zur Champions League ist sehr besonders. Ich habe lange gebraucht, um diese Trophäe zu gewinnen. Neun Jahre, mit Marseille, mit Chelsea. Sie zum Ende der Karriere in die Höhe zu recken, war der Höhepunkt“, sagt der Ivorer heute. Er hatte einen rauschenden Party-Marathon eingeleitet, von München bis London.

Die Bayern boten das Kontrastprogramm. Traurig, wütend. Einfach maßlos enttäuscht. Fans, Spieler, Verantwortliche – allen ging es an diesem Abend und auch an den folgenden Tagen gleich. Doch im Sommer rappelten sie sich auf. Ein Jahr später holte der FC Bayern den Henkelpott im deutschen Finale von London gegen Borussia Dortmund. Ohne Verlängerung, aber wieder mit einem späten Tor. In der 89. Minute ist der Bayern-Sieg perfekt. Und Robben, der gegen Chelsea in der Verlängerung den Elfmeter verschoss, ist der Matchwinner. Neuer, Schweinsteiger, Boateng, Müller, Lahm – jetzt dürfen auch sie jubeln. „Vielleicht war die Niederlage auch eine Motivation für alles, was dann kam“, erinnert sich der damalige Bayern-Kapitän und Nationalspieler Lahm: „Der Sieg in London 2013, die WM 2014.“ Vermutlich hatte es dieses Drama im „Finale dahoam“ gegen den FC Chelsea gebraucht, um aus der Generation wirklich eine goldene zu machen.

 Der heutige Chelsea-Trainer Frank Lampard (hinten) verwandelt seinen Elfmeter gegen Bayern-Torhüter Manuel Neuer souverän.
Der heutige Chelsea-Trainer Frank Lampard (hinten) verwandelt seinen Elfmeter gegen Bayern-Torhüter Manuel Neuer souverän. FOTO: dpa / Marcus Brandt
 Torwart-Ikone Petr Cech (links) und Chelseas Matchwinner Didier Drogba feiern in der Münchner Arena mit dem Henkelpott in der Hand.
Torwart-Ikone Petr Cech (links) und Chelseas Matchwinner Didier Drogba feiern in der Münchner Arena mit dem Henkelpott in der Hand. FOTO: dpa / Tobias Hase