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Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball
Die Anzahl der Toptalente wird immer kleiner

Frankfurt. Lange galt die Nachwuchs-Ausbildung im deutschen Fußball als mustergültig. Doch das System braucht dringend Anpassungen. dpa

Der desaströse deutsche WM-Sommer wirkt auch in der Nachwuchsarbeit noch nach. Das viel gerühmte System ist in die Jahre gekommen, die Super-Talente werden weniger. „Wir haben es zehn, zwölf Jahre sehr gut gemacht. Aber der Fußball entwickelt sich auch weiter“, sagt Bundestrainer Joachim Löw: „Da müssen wir schon noch viele Gespräche führen und viele Dinge wieder verbessern.“

Es herrscht bei allen Beteiligten Einigkeit darüber, dass Anpassungen und Veränderungen unausweichlich sind. Zu wenig Platz für Entfaltung, nicht genug besondere Spielertypen, zu wenig Selbstständigkeit lauten einige Kritikpunkte. Warnsignale gab es schon vor diesem deprimierenden schwarz-rot-goldenen Fußball-Jahr. Confed-Cup-Erfolg und der EM-Titel der U21 im Jahr 2017 ließen die Kritik aber wieder abflauen. Die WM-Blamage rückte die Mängel wieder in den Fokus.

„Mich ärgert es, dass diese Diskussion immer erst nach einem schlechten Turnier aufkommt“, sagt der ehemalige DFB-Sportdirektor Horst Hrubesch. Fast zwei Jahrzehnte nachdem der deutsche „Rumpelfußball“ Ausgangspunkt für die neuen Nachwuchsleistungszentren war, sollen nach einem Tiefpunkt in der deutschen WM-Historie richtige Schlüsse gezogen werden. Doch gerade in der Arbeit mit den Talenten müssen die Maßnahmen sitzen: Schwerwiegende Fehler brauchen mindestens eine Fußball-Generation, bis sie ausgemerzt sind.



„Wir können nicht nur an einer Stellschraube drehen. Es müssen alle bereit sein, etwas zu ändern“, fordert U21-Trainer Stefan Kuntz und warnt: „Wir haben generell nicht mehr fünf, sechs Talente eines jeden Jahrgangs, sondern es sind noch ein, zwei.“ Für 15 Nachwuchs-Turniere in Serie qualifizierten sich die deutschen U-Nationalteams. Den Titel holten aber nur die U21 bei der EM 2017 und die U19 im Jahr 2014.

„Schon vor der WM waren wir an diesen Themen dran, da wir um unsere Schwachstellen wussten. Nun ist bei allen Beteiligten die Bereitschaft gestiegen, angestrebte Dinge tatsächlich in die Praxis umzusetzen. Insofern wohnt dem Misserfolg auch eine große Chance inne“, sagt DFB-Juniorenchef Meikel Schönweitz: „Wir müssen uns aber bewusst sein, dass der Ertrag unserer Veränderungen im System Fußball, die wir derzeit anpacken, nicht morgen wirken wird, sondern erst in vier bis sieben Jahren.“

Der Wandel auf dem Talente-Markt, aber auch gesellschaftliche Veränderungen, machen Anpassungen notwendig. „Eine gewisse Bolzplatz-Mentalität ist abhandengekommen, aber gerade für Kinder ist Spielen, Dribbeln, Ausprobieren ganz entscheidend“, sagt Schönweitz. Der Neunkircher Kuntz, der mit seiner U21 die Qualifikation für die EM 2019 souverän meisterte und als Titelverteidiger zur Endrunde reist, weist auf erschwerte Rahmenbedingungen hin. „Einige größere Bundesligavereine greifen nach 16-, 17-, 18-Jährigen, die nicht aus Deutschland kommen. Das machen sie nicht, weil sie keine Deutschen wollen, sondern weil die anderen Jungs leistungsmäßig stärker sind“, sagt Kuntz: „Das sind so Alarmglocken, die können wir beim DFB ein bisschen zu läuten anfangen und müssen sehen, was wir dazu beitragen können. “

Löw weist auf ähnliche Probleme hin. „Es gibt schon noch ein paar gute Jahrgänge bis 1995 und 1996“, urteilt der Bundestrainer: „Danach merkt man auch bei den ganzen Ergebnissen, dass wir in den U-Bereichen nicht unbedingt führend sind.“ Fünf U21-Europameister durften bei Löw ran; aktuell zählt nur Serge Gnabry zum Aufgebot. Fünf potenzielle U21-Spieler gehören allerdings zum aktuellen A-Team.

Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl ätzte vor einiger Zeit Richtung DFB. Zudem kritisierte er eine Generation von „Laptop-Trainern“. „Die Kinder dürfen sich nicht mehr im Dribbling probieren“, monierte er: „Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen.“ Die Wortwahl rückte gute Ansätze in den Hintergrund. Fehlende Spielertypen schränken aber auch den Handlungsspielraum der Trainer ein. „Wir brauchen wieder Stürmer, die Eins gegen Eins spielen können, Außenstürmer, Außenverteidiger, richtige Spezialisten“, wünscht sich Löw. Konsens herrscht aber, dass das System grundsätzlich gut ist. „Wir sollten in der gesamten Diskussion nicht dahinkommen, alles in Grund und Boden zu reden“, sagt Ex-Nationalspieler Matthias Sammer: „Wir müssen feine Dinge justieren.“

Nach Ansicht von Kuntz bekommen junge Spieler heute zu „viele ihrer Konflikte aus dem Weg geräumt“. Es sei notwendig, sich „mit der gesellschaftlichen Erziehung, mit dem Geldgewinnsystem, mit dem Wettkampfsystem und mit der Ausbildung“ zu befassen, sagt er. Die veränderte Mentalität hält auch Gladbachs Manager Max Eberl für schwierig. „Es werden in den kommenden Jahren Probleme auf uns zukommen, wenn nicht mehr diese gierigen, jungen Spieler kommen, sondern verwöhnte Jungs, die nicht mehr kritikfähig sind“, sagt er.

Das ernüchternde Fußball-Jahr 2018 könne schlussendlich sogar noch positive Effekte haben, findet Kuntz, „wenn daraus jetzt Konsequenzen folgen“. Der 56-Jährige ruft den Zuschlag für die EM 2024 zum Startschuss aus: „Weil wir jetzt auf Spieler Einfluss nehmen können, die dann erfolgreich spielen sollen.“

Die deutsche U21 gewinnt im Juni 2017 den Titel bei der Europameisterschaft in Polen. Dieser Erfolg ließ die Probleme in der Nachwuchsarbeit in Deutschland in den Hintergrund treten.
Die deutsche U21 gewinnt im Juni 2017 den Titel bei der Europameisterschaft in Polen. Dieser Erfolg ließ die Probleme in der Nachwuchsarbeit in Deutschland in den Hintergrund treten. FOTO: dpa / Jan Woitas
Meikel 
Schönweitz ist Juniorenchef im 
Deutschen 
Fußball-Bund. 
Foto: Killig/ZB/dpa
Meikel Schönweitz ist Juniorenchef im Deutschen Fußball-Bund. Foto: Killig/ZB/dpa FOTO: dpa / Oliver Killig
Stefan Kuntz 
betreut 
aktuell das 
erfolgreiche 
U21-Team.
Foto: Weigel/dpa
Stefan Kuntz betreut aktuell das erfolgreiche U21-Team. Foto: Weigel/dpa FOTO: dpa / Armin Weigel