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Die Situation scheint festgefahren
Auch in der Rückrunde wird es brennen

 Vermummt, verboten, für manche Fans aber faszinierend: Anhänger des FC St. Pauli zünden im Stadtderby gegen den Hamburger SV Pyrotechnik auf der Tribüne.
Vermummt, verboten, für manche Fans aber faszinierend: Anhänger des FC St. Pauli zünden im Stadtderby gegen den Hamburger SV Pyrotechnik auf der Tribüne. FOTO: dpa / Daniel Bockwoldt
Berlin. Trotz Verboten und Geldstrafen wird in den Stadien weiter illegale Pyrotechnik verwendet. Kompromisse sind nicht in Sicht. dpa

Gegenseitiges Daumendrücken von Hamburger SV und FC St. Pauli – das kommt äußerst selten vor. An diesem Freitag könnte genau das der Fall sein. Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verhandelt über die Einsprüche beider Zweitligisten gegen sechsstellige Geldstrafen, die ihnen ihre Fans mit dem verbotenen Abbrennen von Pyro und dem Zünden von Feuerwerk beim Stadtderby im September eingebrockt haben. Kein Einzelfall. Regelmäßig verhängt der DFB Geldstrafen gegen Vereine wegen verbotener Zündeleien ihrer Anhänger. Die Situation scheint festgefahren, Kompromissvorschläge verhallen.

„Nicht zufriedenstellend“, teilweise „besorgniserregend“ – so beschreibt der DFB die aktuelle Lage. Der Einsatz von Pyrotechnik habe in dieser und der vergangenen Spielzeit zugenommen. 152 Menschen sind laut Polizeistatistik in der Spielzeit 2018/2019 durch Pyrotechnik verletzt worden – bei 22 Millionen Stadionbesuchern und 1127 Verletzten insgesamt, im Vorjahr waren es 53 Verletzte. Berücksichtigt sind dabei die Spiele der ersten drei Ligen, einschließlich der An- und Abreise. Die Dunkelziffer sei vermutlich höher, da nur polizeilich erfasste Verletzungen in der Statistik landen, sagt ein Sprecher des Landesamts für Zentrale Polizeiliche Dienste in Nordrhein-Westfalen (LZPD). Über die Schwere der Verletzungen gibt die Statistik keine Auskunft.

Abgesehen von den Spielbehinderungen – wie gefährlich ist Pyrotechnik im Stadion? Von der leichtfertigen Gefährdung der Gesundheit und des Lebens Tausender Menschen spricht der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU). Von der „sehr großen Gefährlichkeit der Verwendung von extrem heißer Pyrotechnik und der gesundheitsschädlichen Rauchentwicklung“ schreibt der DFB. „Keine riesengroße Gefahr“ sei Pyrotechnik, solange man mit ihr verantwortungsbewusst umgeht, meint hingegen Sven Kistner vom Fan-Bündnis Queer Football Fanclubs (QFF), das nach eigener Aussage unterschiedliche Fangruppen vertritt. Eine brennende Fackel dürfe nicht die Hand verlassen, Böller hätten im Stadion nichts zu suchen. Ähnlich äußert sich Sig Zelt, Sprecher des Fan-Bündnisses ProFans.



Und dennoch werfen einige Stadionbesucher immer wieder auch Bengalos oder zünden Raketen. Der Polizei geht es nicht nur um die unmittelbare Verletzungsgefahr. Es bestehe auch die Gefahr von Panikreaktionen, heißt es vom LZPD. Alle Innenminister seien sich einig, dass das Abbrennen von Pyrotechnik in Menschenmengen härter bestraft werden sollte, sagt der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU). Sein baden-württembergische Amts- und Parteikollege Thomas Strobl regte im Dezember einen Führerscheinentzug für das Abbrennen von Pyrotechnik an.

Ein Teil der Fans steht auf der anderen Seite. „Wir vertreten mehrheitlich die Ansicht, dass Pyrotechnik einfach bei einem Spiel dazugehört“, sagt QFF-Vertreter Kistner. Die Fangemeinschaft „Unsere Kurve“ ist für eine Legalisierung wie auch ProFans. Zelt vertritt die Meinung, dass man so für mehr Sicherheit sorgen könnte. Man habe 2011 in Gesprächen mit dem DFB Vorschläge dazu gemacht: zertifizierte Erzeugnisse, fachlich unterwiesene Personen und festgelegte Bereiche für Pyrotechnik. DFB und Deutsche Fußball Liga (DFL) erteilten der Legalisierung eine Absage.

„Gerade mit dem Scheitern dieser Gespräche von 2011 ist die Pyrotechnik auch zu einem Symbol geworden“, sagt Jonas Gabler. Er forscht zur Fußball-Fankultur und berät mit seinem Unternehmen Verbände und Vereine. Nach dem Motto: „Ihr kriegt uns nicht klein. Wenn wir es nicht legal machen können, dann machen wir es eben illegal“ – auch dafür stünden die Fackeln im Stadion für Ultras. Für Vereine, Verbände, Politik und Polizei stünde Pyrotechnik unabhängig von Gefährdungen auch für Regelverletzung an sich, die sie nach eigener Auffassung hart verfolgen müssten. Die Leitidee des DFB bei der Verfolgung ist die „täterorientierte Sanktionierung“. Diese habe sich bewährt, heißt es vom DFB. Gegen Vereine verhängte Geldstrafen können reduziert werden, wenn sie bei der Identifizierung der Schuldigen helfen. Die Clubs können außerdem Täter zur Zahlung der Strafen heranziehen. Doch nicht alle sind davon überzeugt. Drittligist Carl Zeiss Jena hatte im Dezember angekündigt, mit Rückendeckung anderer Clubs den DFB vor einem Zivilgericht wegen einer Pyrotechnik-Strafe zu verklagen. Laut Verein ein Novum. „Wir tun alles, um Pyrotechnik im Stadion zu verhindern. Es lässt sich nicht verhindern, insofern trifft uns keine Schuld. Und dann kann man auch nicht bestraft werden“, sagt Jenas Geschäftsführer Chris Förster.

Das Mitbringen von Pyrotechnik zu verhindern, ist schwierig. „Wir reden von Massenveranstaltungen mit mehr als 50 000 Menschen. Eine umfassende Kontrolle im dafür zur Verfügung stehenden Zeitraum ist da schwierig“, sagt ein Sprecher des Landesamts für Zentrale Polizeiliche Dienste. Auch Personal auf dem Stadiongelände helfe mitunter beim Hereinschmuggeln.

Fanforscher Gabler fordert wenigstens eine Schadensreduzierung. Er kann sich die Legalisierung bestimmter Formen von Pyrotechnik unter bestimmten Voraussetzungen vorstellen. „Damit würde sich zumindest die Chance verbinden, über dieses Thema und über den verantwortungsvollen Gebrauch von Pyrotechnik stärker mit den Fans ins Gespräch zu kommen.“ Kontrolliertes Abbrennen außerhalb des Zuschauerbereichs – daran arbeitet etwa der HSV, wie Vorstandschef Bernd Hoffmann erläutert. Noch in dieser Saison soll ein Versuch bei einem Heimspiel im Volkspark gestartet werden. „Wir befinden uns in Gesprächen mit den zuständigen Behörden der Stadt“, sagt Hoffmann: „Es kann nicht sein, dass das, was bei jedem ortsüblichen Musikkonzert passiert, für den Fußball nicht zulässig sein soll.“ Der Verein verstehe sich nicht als Anwalt „dieser 20 durchgeknallten Straftäter, denen Gesundheit und Leben ihrer Mitmenschen egal ist, wenn sie unkontrolliert Pyro zündeln“, erklärt er, betont aber: „Wir wollen eben auch keine total durchgeplante und durchzertifizierte Liga, in der sich alle in vorauseilender Weise sozial erwünscht verhalten.“ Stimmung im Stadion sei „das Rückgrat des Geschäftsmodells Profifußball“.

Laut Medienberichten gab es in der Vergangenheit Meinungsverschiedenheiten zwischen HSV und DFB sowie DFL. Diese hatten Pläne für das kontrollierte Abrennen demnach abgelehnt. Auch für die so genannte „kalte Pyrotechnik“ hatte sich der HSV in der Vergangenheit interessiert. Damit experimentiert der dänische Traditionsclub Brøndby IF. Vor einem Spiel zündeten Fans solche Fackeln – in Absprache mit dem Verein. Die Temperatur soll laut Brøndby wesentlich niedriger sein. DFL-Chef Christian Seifert sagte zur „kalten Pyrotechnik“: „Die gibt es genauso wenig wie veganen Schweinebraten.“ Das Wort sei irreführend, sagt auch Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbandes der pyrotechnischen Industrie (VPI). Auch hier würden noch Temperaturen von 200 bis 500 Grad entstehen.

Und so wird das Thema wohl ein „Evergreen“ bleiben, wie es Hans E. Lorenz nennt. Als Vorsitzender Richter des DFB-Sportgerichts wird er sich amm Freitag mit den Einsprüchen der Zweitligisten Hamburger SV und FC St. Pauli befassen. Es komme darauf an, was man will, sagt er: Entweder man akzeptiere Übertretungen und Verstöße als Teil des Systems, oder man benötigt ein sehr viel schärferes Gesetz. „Wenn ich die Gesetze so ausgestalte, dass sich die persönliche Freiheit des einzelnen auf Null reduziert, dann verleide ich natürlich auch vielen Menschen den Spaß am Fußball.“

 Hans E. Lorenz ist der Vorsitzende des Sportgerichts des Deutschen Fußball-Bundes.
Hans E. Lorenz ist der Vorsitzende des Sportgerichts des Deutschen Fußball-Bundes. FOTO: dpa / Arne Dedert
 Christian Seifert ist der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga.
Christian Seifert ist der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga. FOTO: dpa / Arne Dedert