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Das Tier im Tor

Breslau. Andreas Wolff ist bislang die Entdeckung der Handball-Europameisterschaft. Mit seinen spektakulären Paraden avancierte der 24-Jährige zum Siegbringer gegen Schweden. Auch heute will er überzeugen. Sid-Mitarbeiterchristoph Stukenbrock

Als Belohnung für seine Galavorstellung gönnte sich der "große, böse Wolff" noch ein paar Seiten Nervenkitzel. Beim Gruselroman "Krähenmädchen" entspannte der Held des Spiels Andreas Wolff nach dem so wichtigen 27:26-Erfolg der deutschen Handballer gegen Rekord-Europameister und lud seine Akkus für das Gruppen-Endspiel gegen Slowenien heute (17.15 Uhr/ZDF) auf.

"Ich liebe Thriller. Beim Lesen kann ich am besten runterfahren", sagte Wolff nach einem denkwürdigen Abend in der Jahrhunderthalle von Breslau : "Meine Eltern haben mir eine ganze Tüte mit Büchern mitgegeben, die ich an Weihnachten zu Hause liegengelassen habe."

Schon gestern Vormittag war es mit dem Schmökern aber wieder vorbei. Wolff verbrachte die meiste Zeit auf seinem Zimmer und zog sich "Videos ohne Ende rein", um gegen Slowenien wieder voll da zu sein. "Mit einem weiteren Sieg können wir uns eine richtig gute Ausgangsposition für die Hauptrunde verschaffen", sagte Wolff, der in der Presserunde am Mittag der gefragteste Mann war. Bei einer Niederlage, auch das weiß der 24-Jährige, könnte die EM für das junge deutsche Team unter Umständen aber auch schon vorbei sein.

Möglicherweise gibt Wolff gegen Slowenien sein Debüt als Nummer eins. "Kann sein, dass er anfängt", sagte Bundestrainer Dagur Sigurdsson: "Er hat im letzten Jahr immer wieder seine Chance bekommen und uns nie enttäuscht."

Dass es in Polen für das deutsche Team überhaupt noch um eine richtig gute Ausgangsposition geht, war vor allem Wolff selbst zu verdanken. Nach elf Minuten löste er gegen Schweden den glücklosen Carsten Lichtlein ab und trumpfte mit spektakulären Paraden auf. Ohne Wolffs famose Leistung wäre das deutsche Team nach dem 13:17-Rückstand zur Pause wohl nicht mehr zurückgekommen. "Eine sehr starke Leistung", lobte Sigurdsson, der Wolff überraschend im Dezember anstelle des formschwachen Stammtorhüters Silvio Heinevetter nominiert hatte.

Die Entscheidung für Wolff zahlt sich mehr und mehr aus. Schon zum Auftakt gegen Spanien glänzte der Torhüter der HG Wetzlar nach seiner Einwechslung. "Wir haben in der Vorbereitung viel über Torhüter gesprochen, auch dass es da nicht immer ganz konstant war", sagte Teammanager Oliver Roggisch , "spätestens jetzt ist diese Diskussion beendet."

Wolff gehört die Zukunft im deutschen Tor. Spätestens, wenn Carsten Lichtlein (35) seine Nationalmannschaftskarriere beendet, dürfte der Euskirchener endgültig zur Nummer eins aufsteigen. "Wolff ist der Torwart mit der größten Perspektive", sagte der WM-Held von 2007, Henning Fritz.

198 Zentimeter hoch, 100 Kilo schwer - Kraft ist aber beileibe nicht Wolffs einzige Stärke. Der 24-Jährige zeigt bei seinen Reflexen trotz Größe und Masse erstaunliche Beweglichkeit und besticht zudem durch hohe Emotionalität. Immer wieder reckt er nach Paraden die Zeigefinger gen Hallendecke, puscht das Publikum oder trommelt sich wie wild auf den Brustkorb. "Ich bin schon aggressiv und impulsiv. Das lässt sich nicht bestreiten", sagte Wolff, "aber innerlich versuche ich immer, so ruhig zu bleiben, wie es geht."