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Wimbledon
„Das achte Weltwunder“

Die beiden Wimbledon-Sieger Roger Federer und Garbiñe Muguruza präsentieren beim traditionellen Champions Dinner ihre Trophäen.
Die beiden Wimbledon-Sieger Roger Federer und Garbiñe Muguruza präsentieren beim traditionellen Champions Dinner ihre Trophäen. FOTO: Thomas Lovelock / dpa
London. Die Sportpresse feiert den Schweizer Roger Federer nach seinem achten Sieg in Wimbledon. Die Tennis-Legende selbst bleibt wie immer bescheiden und sagt: „Ich habe den Eindruck, halbtags zu arbeiten.“

Garbiñe Muguruza hatte sich so sehr auf den Tanz gefreut, doch der gehört längst schon nicht mehr zum Protokoll des Champions Dinner von Wimbledon. Im Gegensatz zur Spanierin dürfte Roger Federer nicht allzu traurig gewesen sein, dass es in der Londoner Guildhall bei einem gemütlichen Abendessen mit gelegentlichen Lobhudeleien im Kreise seiner Liebsten blieb. Mit bald 36 Jahren muss sich der Schweizer seine Kraft gut einteilen, denn er trägt mehr als nur die Verantwortung für seine eigene Karriere auf den Schultern.

„Das achte Weltwunder“ (Times) ist das globale Aushängeschild der Tennistour. Weltweit wird Federer verehrt, oft auch als „unbestritten der Größte der Geschichte“ (Daily Mail) bezeichnet. Nach seinem Rekordsieg am Sonntag im All England Club wurde er hoffnungsvoll gefragt, ob er es sich vorstellen könne, auch mit 40 Jahren noch in Wimbledon zu spielen. Federer antwortete: „Das glaube ich schon, wenn die Gesundheit mitmacht. Und ich vor Wimbledon 300 Tage Pause mache, mich in eine Gefriertruhe packe, rauskomme und ein bisschen trainiere.“

Mit anderen Worten: Ewig wird Federer nicht mehr spielen, und den meisten Fans und vielen Kollegen und Kolleginnen auf der Tour graut es vor dem Tag, wenn er unwiderruflich aufhört. Nach der 131. Auflage der Championships, die Federer wie noch nie zuvor dominiert und ohne Satzverlust zum achten Mal gewonnen hatte, wurde er mit Liebe überschüttet. Von Herzogin Kate bekam er drei Küsschen, von seinen Anhängern unzählige Glückwünsche über die sozialen Medien. Stets verbunden mit der Hoffnung, Federer möge noch lange weiterspielen.

Versprechen wollte der 19-malige Grand-Slam-Sieger allerdings nichts. Wie sollte er auch nach dem vergangenen Jahr, in dem er sich sechs Monate lang von seinen Knie- und Rückenproblemen erholen musste. „Das Ziel“, sagte er, sei „definitiv, im nächsten Jahr zurückzukommen und zu versuchen, den Titel zu verteidigen“. Zwölf Monate, weiter nach vorne will der älteste Wimbledonsieger in der Geschichte des Profitennis nicht mehr blicken, am liebsten würde er sogar nur von Tag zu Tag planen.

In dieser Saison hat Federer allerdings gerade erst Schwung aufgenommen, die Pause während der Sandplatz-Saison wirkte wie ein Jungbrunnen. Die nächsten Ziele liegen in Nordamerika, vielleicht in Montreal, auf jeden Fall aber in Cincinnati und bei den US Open in New York. Auch dort wird Federer der Mann sein, den es zu schlagen gilt. Seine bisherigen Auftritte in diesem Jahr mit den Titeln in Melbourne, Indian Wells, Miami, Halle/Westfalen und Wimbledon haben die Konkurrenz wieder das Fürchten gelehrt.

„Rogers Geheimnis ist sein Familienleben“, analysierte Boris Becker für die BBC, und der vierfache Vater Federer bestätigte: „Meine Frau ist komplett einverstanden damit, dass ich noch immer spiele. Sie ist mein größter Fan. Sie ist unglaublich.“ Federer hat die Balance gefunden zwischen Wohnzimmer und Tennisplatz und besitzt die Gabe, mit weniger Aufwand maximalen Erfolg zu erzielen. „Ich habe den Eindruck, gerade fast halbtags zu arbeiten“, sagte Federer: „Und das ist ein tolles Gefühl.“ Dass jedoch selbst bei ihm nicht mehr ewig anhalten wird.