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Fußball
Die „Mentalitäts-Giganten“ trumpfen auf

Liverpool. FC Liverpool zieht dank eines historischen 4:0-Sieges gegen den FC Barcelona ins Champions-League-Finale ein. sid

Als Jürgen Klopp am Ende einer magischen Nacht zu den Klängen von John Lennons Imagine den Rasen von Anfield verließ, war der Teammanager des FC Liver­pool immer noch überwältigt. Seine Mannschaft hatte beim 4:0 (1:0) gegen den FC Barcelona eine der spektakulärsten Aufholjagden im europäischen Fußball hingelegt und lange Zeit mit den Fans im Stadion den Einzug ins Finale der Champions League gefeiert.

„Diese Mischung aus großem Herz und fußballerischem Können, es war einfach unglaublich. Ich habe Spieler auf dem Platz gehabt, die haben geweint. Das haut dich um“, sagte der 51-Jährige, der angesichts der Stimmung von Anfield ins Schwärmen geriet: „Dieser Club lebt Emotionen und Leidenschaft, in ihm schlägt ein großes Herz, heute hat es wie verrückt geschlagen. Man hat es vermutlich auf der ganzen Welt gehört.“

Mit einer nie enden wollenden Willenskraft, einer unglaublichen Unterstützung der Fans und einem genialen Eckball-Trick hatten die Reds das 0:3 aus dem Hinspiel gedreht. „Klopps Ritter übertreffen Barça physisch, technisch, taktisch und am Ende auch intellektuell“, schrieb die Daily Mail und zog den Vergleich zum letzten Sieg in der Königsklasse, als Liverpool ein 0:3 gegen AC Mailand aufholte: „Das war sogar besser als Istanbul 2005.“



Das 4:0 durch Divock Origi nach einer Ecke von Trent Alexander-Arnold (79. Minute) hat seinen Platz in den Fußball-Geschichtsbüchern sicher. Zunächst schien es so, als wollte der 20-Jährige den Eckstoß Xherdan Shaqiri überlassen. Nach vier Schritten drehte sich der Nationalspieler aber blitzschnell um und flankte den Ball in den Strafraum, wo einzig Torschütze Origi aufmerksam war und reagierte. „Es war instinktiv. Es war einer dieser Momente, in denen du die Gelegenheit erkennst und dann wahrnimmst“, sagte Alexander-Arnold. Englands früherer Nationalspieler Gary Lineker schwärmte von einem „der cleversten, frechsten und brillantesten Fußball-Kunststücke, die ich je gesehen habe.“

Auch Klopp war überrascht. „Ich habe draußen noch gequatscht und sehe einen Ball ins Tor fliegen. Ich musste fragen, wer das Tor gemacht hat“, erzählte der Coach, der seine Mannschaft nach den Ausfällen von Mohamed Salah, Roberto Firmino und Naby Keita in den Himmel lobte: „Ich habe den Jungs vor dem Spiel gesagt: Normalerweise ist es unmöglich. Aber weil ihr es seid, haben wir eine Chance. Die Spieler sind Mentalitäts-Giganten.“

Der frühere Wolfsburger Bundesliga-Profi Origi und der zur Halbzeit eingewechselte Georginio Wijnaldum erzielten in dieser magischen Nacht jeweils zwei Tore und brachten das Tollhaus in Liverpool zum Kochen. Barcelona mit dem entzauberten Lionel Messi und dem nicht fehlerfreien Nationaltorhüter Marc-André ter Stegen hatten ihre Chancen, wirkten aber nicht entschlossen genug.

Selbst Klopp-Kritiker José Mourinho war nach der „Aufholjagd am Rande des Unglaublichen“ (La Stampa) voll des Lobes für den Teammanager. „Für mich hat dieses Comeback einen Namen: Jürgen“, sagte der Portugiese: „Das ist die Spiegelung seiner Persönlichkeit: niemals aufgeben, sein Kampfgeist.“

Vor dem Spiel musste sich Liverpools Trainer noch Vorwürfe gefallen lassen, wurde schon als ewiger Zweiter verhöhnt – auch von Mourinho („Er gewinnt absolut nichts“). Doch nun kann er im dritten Champions-League-Endspiel seiner Karriere nach 2013 und 2018 die Königsklasse gewinnen. Für das Finale am 1. Juni in Madrid gelten seine Spieler als Favoriten – spätestens nach der Meisterleistung von Anfield.

 Georginio Wijnaldum (Mitte), Doppeltorschütze nach seiner Einwechslung, fällt nach seinem Treffer zum 3:0 völlig in Ekstase.
Georginio Wijnaldum (Mitte), Doppeltorschütze nach seiner Einwechslung, fällt nach seinem Treffer zum 3:0 völlig in Ekstase. FOTO: dpa / Peter Byrne