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Fußball
Die große Show des Serge Gnabry

  Bayern-Trainer Niko Kovac (l.) herzt Vierfach-Torschütze Serge Gnabry, der den Spielball mit nach Hause nimmt.
Bayern-Trainer Niko Kovac (l.) herzt Vierfach-Torschütze Serge Gnabry, der den Spielball mit nach Hause nimmt. FOTO: dpa / Steven Paston
London. An einem „Wahnsinns-Abend“ in London schraubt Serge Gnabry seinen Bayern-Status nach oben. Beim 7:2-Spektakel gegen den letztmaligen Champions-League-Finalisten Tottenham erfüllt der Stürmer auch einen Auftrag des Vaters. dpa

Nach seiner famosen Vier-Tore-Show musste Serge Gnabry noch zwei Schreckmomente überstehen. Erst grätschte ihn sein Kumpel Niklas Süle beim Feiern auf dem Rasen spaßeshalber um. Und dann ballerte Teamkollege Javi Martínez auch noch den Spielball in den Münchner Fanblock, was Gnabry schier fassungslos machte. Aber der Fußball-Nationalspieler hatte Glück: Das wertvolle Souvenir flog irgendwann zurück zu ihm – und so endete Gnabrys „Wahnsinns-Abend“ beim unwirklich anmutenden 7:2 des FC Bayern beim letztmaligen Champions-League-Finalisten Tottenham Hotspur doch noch perfekt.

Mit „seinem“ Ball posierte Gnabry später beim Bankett im Londoner Teamhotel für ein Selfie. „Vier Tore habe ich seit der F-Jugend nicht mehr gemacht. Das war ein grandioser Abend für mich – und für die ganze Mannschaft“, sagte Gnabry stolz. Von einem „historischen Tag für Bayern München“ schwärmte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in seiner Bankettrede: „Das war unglaublich, was wir erlebt haben!“

Der 24-jährige Gnabry war natürlich „mit seinen Vier die Krönung“, wie Trainer Niko Kovac sagte: „Es war sicherlich sein bestes Spiel.“ Eines, in dem nach der Pause nicht nur Gnabry, sondern allen Bayern offensiv fast alles gelang. „7:2 ist eigentlich im Profifußball ein bisschen unrealistisch“, meinte Joshua Kimmich, neben Gnabry und dem zweimal erfolgreichen Robert Lewandowski weiterer Torschütze.



Nur gut, dass der Mann des Abends auf Jean-Hermann Gnabry gehört hatte. „Papa hatte mittags noch einmal gesagt, dass ich gut spielen muss. Das habe ich erledigt. Ich glaube, der Druck hat geholfen“, berichtete Gnabry lächelnd. Rechts, links, rechts, rechts – jeder seiner Schüsse nach der Pause schlug im Tor von Frankreichs Weltmeister-Torwart Hugo Lloris ein. „Was soll man dazu sagen? Serge hat wirklich alles getroffen“, sagte Kapitän Manuel Neuer staunend. „Er hat Zug zum Tor, kann mit beiden Beinen abschließen“, schwärmte der starke Torhüter.

Gnabry genoss den schönsten Moment seiner Karriere. „Meine ersten vier Champions-League-Tore direkt an einem Tag zu erzielen, war natürlich grandios“, sagte der Turbo-Angreifer, der sich in einen illustren Kreis katapultierte: Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, Zlatan Ibrahimovic oder Robert Lewandowski gehören zu den wenigen Kickern, denen in der Champions-League-Historie vier Tore in einer Partie glückten. Gnabry ist erst der zweite Deutsche nach Mario Gomez (2012 bei Bayerns 7:0 gegen Basel), dem dieses Kunststück gelang.

„Überragend! Er hat gezeigt, was für ein Potenzial er hat“, lobte Teamkollege David Alaba. Gnabry trat am Dienstagabend endgültig aus dem langen Schatten von Arjen Robben. Und das als Ex-Arsenal-Profi. „Nord-London ist Rot“, stichelte der Bayern-Kanonier nach der Gala im Tottenham-Stadion. Die „Gunners“ spielen auch meist in Rot.

Gnabry hat in London seinen Status in der Münchner Luxus-Offensive weiter erhöht. Im Nationalteam, mit dem er kommende Woche den nächsten Schritt zur EM 2020 machen möchte, hat ihm Joachim Löw erst jüngst das Gütesiegel unverzichtbar verpasst. „Gnabry spielt immer“, äußerte der Bundestrainer zuletzt über den explosiven Stürmer, der in zehn Länderspielen neunmal traf – eine herausragende Quote.

Die Bayern-Gala mit Hauptdarsteller Gnabry war ein Ausrufezeichen, das der deutsche Serienmeister in Europa setzte. „Ich denke, dass das 7:2-Ergebnis natürlich die Welle macht“, meinte Gnabry. Rummenigge erinnerte an die Bundesliga-Schmach des letzten Frühjahrs, als das Trio Bayern, Dortmund und Schalke im Achtelfinale gegen Liverpool, Tottenham und Manchester City K.o. ging: „Heute haben zumindest wir von Bayern München nachhaltig bewiesen, dass wir durchaus in der Lage sind, eine Premier-League-Mannschaft der Topklasse zu besiegen.“

Von Kovac bis Gnabry blendete aber kein Münchner die „brenzligen Situationen“ aus, die Tottenham in der überlegenen ersten Hälfte heraufbeschwor. „Auch heute war nicht alles super“, gab Kimmich zu bedenken. „Wir haben jetzt ein Spiel 7:2 gewonnen und können nicht sagen, dass wir nun ganz Europa schlagen“, mahnte auch Neuer. Das Schlusswort gebührte Vier-Tore-Mann Gnabry: „Jetzt genießen wir – und dann geht es auch schon weiter.“ Am Samstag gegen Hoffenheim.