| 23:44 Uhr

Deutsche Fußball-Nationalmannschaft
Bundestrainer-Dämmerung

Amsterdam. Ein peinliches 0:3 gegen die Niederlande, und jetzt wartet Weltmeister Frankreich in Paris: Bundestrainer Joachim Löw hat den Neuanfang mit der Nationalmannschaft in den Sand gesetzt. Der Abstieg in der Nations League droht. sid

Angeschlagen, verunsichert, ratlos: Nach einem seiner vielleicht letzten Spiele als Bundestrainer hatte Joachim Löw auch am Sonntag beim Auslaufen auf dem Ajax-Gelände noch keine Antwort auf den Abgesang von Amsterdam. Der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und ihrem ohnmächtigen Chef droht nach der historischen 0:3 (0:1)-Pleite bei Erzrivale Niederlande nur wenige Monate nach dem WM-Desaster mit dem Abstieg aus der Nations League ein weiterer schwerer Imageschaden. Mehr noch: Vor dem entscheidenden Duell bei Weltmeister Frankreich in Paris am Dienstag (20.45 Uhr/ARD) ist sogar eine vorzeitige Trennung in der Stadt der Liebe nicht mehr undenkbar.

„Wir stehen alle in der Verantwortung, ich als Trainer zuallererst“, sagte Löw. Dass die Debatte um ihn nach der höchsten Niederlage gegen Oranje an Fahrt aufnehme, sei „normal, ich habe auch Verständnis dafür“, ergänzte er. Doch Löw will „ausblenden, was auf uns einprasselt, ich muss mich um die Mannschaft kümmern“.

Kann, ja soll und darf er dies noch? Als Löw in der Johan-Cruyff-Arena von einem niederländischen Journalisten gefragt wurde, ob dies eines seiner letzten Länderspiele gewesen sein könnte, glaubte er offensichtlich, sich verhört zu haben. „Für mich, oder was?“, sagte er, „da müssen wir schnell tauschen hier, da bin ich der falsche Ansprechpartner.“



Reinhard Grindel vermied ein klares Bekenntnis zu seinem leitenden Angestellten. Die Konzentration gelte Frankreich und dem Rückspiel gegen die Niederlande im November, sagte der DFB-Präsident. Wäre Löw danach im Abstiegsfall weg? Dieses Szenario wird von der DFB-Spitze diskutiert, Grindel aber betonte, es sei nun „umso wichtiger, als ein Team zusammenzustehen“.

Dabei wehte ein Hauch von Bundestrainer-Dämmerung durch die Arena in Amsterdam. Der schleichende Verfall von Trainer Löw und seinen abgehalfterten Weltmeistern scheint nicht mehr aufzuhalten. Die desaströse WM war kein Betriebsunfall, wie Löw der Fußball-Republik in seiner Analyse weismachen wollte. Die DFB-Elf ist nach Jahren im Erfolgsrausch mit angebrachten Jubelarien auf Löw endgültig im Mittelmaß angekommen. Sollte sie am Dienstag verlieren, wäre der Abstieg nicht mehr aus eigener Kraft zu verhindern – und Löw trotz Vertrages bis 2022 kaum zu halten. „Jetzt müssen wir zeigen, dass wir den Charakter haben, das zu verhindern“, sagte Löw nach seiner höchsten Niederlage im 168. Spiel, die er als „sehr brutal“ erlebte.

Ist Löw noch der Richtige? „Ich mache da kein Thema draus, das ist es für uns überhaupt nicht“, sagte Kapitän Manuel Neuer, der die Apokalypse mit seinem Fehler vor dem 0:1 von Virgil van Dijk (30.) eingeleitet hatte: „Wir versuchen, geschlossen aufzutreten und zusammen aus dieser negativen Phase rauszukommen.“ Julian Draxler, Wortführer der jüngeren Generation, meinte: „Ich glaube nach wie vor, dass er ein sensationeller Trainer ist.“

Doch Löw bekommt die schon beim WM-Debakel eklatanten Probleme wie Konter-Anfälligkeit und Offensivschwäche nicht in den Griff. Auch, weil er weiter auf seine Achse um die Weltmeister von 2014 baut. Die jungen Spieler wie Draxler, Leroy Sané oder Julian Brandt hätten „noch nicht die ganz große Qualität, um an ihrem Zenit zu sein, wir dürfen von ihnen keine Wunderdinge erwarten“, sagte er. Manche der Erfahrenen seien „noch wertvoll und haben Qualität“.

Doch auch Löw fiel auf, dass weder Jérôme Boateng, der gegen Frankreich wegen muskulärer Probleme fehlt, oder Mats Hummels und Toni Kroos in der Schlussphase mit den Treffern von Memphis Depay (87.) und Georginio Wijnaldum (90.+3) ihrem Führungsanspruch gerecht wurden. „Da müssen sie Verantwortung übernehmen und nicht vogelwild rumlaufen“, schimpfte er.

Dass gestandene Spieler wie Hummels die Erniedrigung durch eine Mannschaft schönredeten, die bei den letzten beiden Turnieren Zuschauer war, erschreckte. Doch es gab auch kritischere Stimmen – von den Jüngeren. „Schönreden bringt jetzt nichts mehr“, sagte Joshua Kimmich: „Immer Pech ist kein Zufall, irgendwas steckt dahinter.“ Nur was? „Es geht mir alles zu langsam, es ist zu berechenbar. Wir spielen den Ball immer hin und her, bis wir einen Konter kassieren. So können wir nicht weitermachen“, sagte Draxler. Sätze, die von Löw hätten kommen müssen.