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Bundestrainer Joachim Löw wird heute 60
Noch weit entfernt vom Rentenalter

 Anzug und Haar sitzen wie immer perfekt: Bundestrainer Joachim Löw wird heute 60 Jahre alt.
Anzug und Haar sitzen wie immer perfekt: Bundestrainer Joachim Löw wird heute 60 Jahre alt. FOTO: dpa / Jan Woitas
München. Joachim Löw feiert heute seinen 60. Geburtstag. Seit 2006 als Bundestrainer im Amt.

Joachim Löw wird fast ein bisschen philosophisch, wenn er über seinen 60. Geburtstag heute spricht. „60 ist schon etwas anderes als 50 oder 40, das gebe ich zu“, sagt der Bundestrainer mit nachdenklicher Miene. Er habe „Respekt vor dem Alter und der Zahl“, ergänzt Löw. „In ein tiefes mentales Loch werde ich wahrscheinlich nicht fallen“, meint er und lacht, „aber es kommt einem schon mal der Gedanke: 60? Das war früher das Rentenalter!“ Und von der Rente sieht sich Löw noch weit entfernt.

Sein Vertrag als Bundestrainer läuft bis zur Winter-WM 2022 in Katar, also noch fast drei Jahre. Doch Löw weiß, dass seine berufliche Zukunft bereits bei der EM im Sommer entschieden wird, wenn er sein 14. (!) Amtsjahr vollendet. „Wir müssen, aber das wird der Jogi nicht gerne hören, ins Halbfinale“, sagte Löws Chef, DFB-Präsident Fritz Keller, „vielleicht sogar ins Finale.“ Und was, wenn nicht?

Zumindest ein zweites Vorrunden-Aus wie bei der desaströsen WM 2018, als Löw seine dunkelste Stunde als Trainer erlebte, wird er sich nicht erlauben dürfen. „Wir alle haben aus der WM gelernt“, beteuert Löw, „bei einem Turnier sind alle Spiele K.o.-Spiele.“ Erst recht in einer Gruppe mit Weltmeister Frankreich und Titelverteidiger Portugal.



Panik will Löw deshalb aber nicht aufkommen lassen. Und doch mahnt er zu Demut und Bescheidenheit. „Die Jahre der Selbstverständlichkeit sind vorbei“, sagte er im Interview mit Welt am Sonntag und Bild am Sonntag: „Wir müssen uns alles neu und hart erarbeiten, Schritt für Schritt, mit Leidenschaft, Begeisterung und Überzeugung.“

Mag sein schwarzer Haarschopf über die Jahre ergraut oder das Gesicht faltiger geworden sein (trotz Hauptpflege-Creme!) – seine Unaufgeregtheit hat sich Löw erhalten. „In dieser hektischen Branche bist du immer cool, hast immer die Ruhe weg. Auch in den angespanntesten Zeiten kurz vor Anpfiff bist du extrem gelassen“, schreibt ihm sein Freund Jürgen Klinsmann in einem Geburtstagsbrief im Magazin der Deutschen Fußball Liga: „Du bist dir immer treu geblieben, hast dich nie verstellt.“

Überhaupt erhält der Weltmeistercoach und Confed-Cup-Sieger viel Zuspruch – weit über die Szene hinaus. Er habe Löw „von Beginn an persönlich und fachlich sehr geschätzt“, teilt DFL-Geschäftsführer Christian Seifert mit. Angela Merkel mag Löws galante Art und bewirtet ihn bei Besuchen im Kanzleramt stets mit seinem Lieblingsessen: Cordon bleu mit Bratkartoffeln.

Löw ist längst mehr als ein Fußballtrainer, der mehr Länderspiele auf dem Buckel hat als alle seine Vorgänger (181/117 Siege, 30 Niederlagen). Die Republik diskutiert die Klamottenwahl ebenso wie die Gewohnheiten des Espressotrinkers, Genussrauchers und Schlager-Fans. Wenn Löw in der Nase bohrt, wird daraus eine Staatsaffäre. Sogar der Playboy widmete ihm zum 60. eine Hochglanzseite und versuchte, Löw zu „entschlüsseln“ (13 Prozent Natürlichkeit, 32 Prozent Ästhetik-Empfinden).

Wer mit Freunden über Löw spricht, hört meist das Wort „heimatverbunden“. Nirgendwo sitzt er lieber im Stadion oder Cafe als in Freiburg, doch Löw liebt auch die Anonymität der Hauptstadt Berlin, wo er eine Wohnung hat. Manchmal, gibt er zu, werde ihm die Aufmerksamkeit zu viel. Wenn er im Zug erkannt und von Fans besungen werde, „würde ich am liebsten aus dem Fenster springen“.

Wie lange der „Visionär des deutschen Fußballs“ (Lukas Podolski) das noch erleben möchte? Löw plant bis zur Heim-EM 2024, dann soll seine neue Mannschaft am Zenit sein. Beim nächsten runden Geburtstag will er jedenfalls nicht mehr auf der Bank sitzen. Trainer mit 70? „Das halte ich für undenkbar!“

(SID)