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Über das Trainerkarussell in der Bundesliga
Das Angebot ist riesig und klein zugleich

Köln. Immer wieder werden in der Fußball-Bundesliga Trainer beurlaubt, und immer wieder stehen die Clubs vor der Nachfolger-Frage. Genannt werden oft dieselben Namen – aber warum? Köln und Mainz dienen als perfekte Beispiele. dpa

Eigentlich könnte es so einfach sein. Im Juli 2019 gab es in Deutschland 873 potenzielle Trainer für die Fußball-Bundesliga. Auf der Suche nach einem neuen Coach würde sich den 18 Clubs laut der Zahlen des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) also ein scheinbar riesiges Reservoir bieten. Eigentlich. Trotzdem fahndete der 1. FC Köln tagelang nach einem Trainer, bis es am Montag Markus Gisdol wurde. Und der FSV Mainz 05 machte sich nicht die Mühe, mehr als 800 Namen zu überprüfen, sondern nahm am Montag den gerade erst beim 1. FC Köln freigestellten Achim Beierlorzer unter Vertrag.

„Sicherlich ist dies eine kuriose Situation im Fußball: Vor einer Woche war ich noch Trainer in Köln, nun werde ich in Mainz als Chefcoach vorgestellt“, sagt Beierlorzer. Aber was sagt die überraschende Verpflichtung des 51-Jährigen über die Situation auf dem Trainermarkt eigentlich aus? Ist die Auswahl doch nicht so groß, wie sie auf den ersten Blick scheint? Numerisch schon, aber was die Ansprüche der Clubs angeht, offensichtlich nicht. „Der Markt ist nicht riesengroß und unüberschaubar“, sagt der Kölner Interimssportchef Frank Aehlig. Mit der Verpflichtung von Beierlorzer lieferte sein Mainzer Kollege Rouven Schröder dafür den Beweis.

Tagelang fahndeten Aehlig und Schröder nach den geeigneten Kandidaten. Bei beiden Clubs wurden teils dieselben Namen gehandelt. Es ging um Pal Dardai, Heiko Herrlich oder Bruno Labbadia, dann gab es angebliche Absagen oder das Interesse kühlte ab. Beide Clubs suchten und suchten, taten sich aber offenbar extrem schwer zu finden. Wie kann das trotz eines mutmaßlichen Überangebots auf dem Trainermarkt sein?



„Es gibt unendlich viele Fußball-Lehrer im Vergleich zu den Plätzen im Profifußball“, sagt BDFL-Chef Lutz Hangartner: „Aber es gibt bei den Sportchefs auch einen Riesendruck, so nach dem Motto: Wenn wir jetzt einen holen, der nicht passt, dann gerate ich selbst in die Schusslinie.“ Das ist sicher die eine Seite der Medaille, die andere ist die gefühlt riesige Verantwortung für den jeweiligen Club. Köln und Mainz schweben in akuter Abstiegsgefahr, zudem plagen den FC finanzielle Probleme, die sich beim erneuten Absturz in die 2. Liga verschärfen würden.

Auch die Auswahl der Trainer ist gefühlt größer geworden. Mittlerweile dürften sich viele Sportchefs die Frage stellen: Nehme ich jung, alt, offensiv, defensiv – oder vielleicht lieber jemanden aus Österreich oder der Schweiz? Dass auch die Bundesliga nicht von Trainer-Trends verschont bleibt, zeigte sich spätestens nach dem erfolgreichen ersten Jahr des Österreichers Adi Hütter bei Eintracht Frankfurt. Im vergangenen Sommer wechselte sein Landsmann Oliver Glasner zum VfL Wolfsburg, zudem holte Borussia Mönchengladbach den in Österreich ausgebildeten Leipziger Marco Rose. Der FC Augsburg (Martin Schmidt), Borussia Dortmund (Lucien Favre) und Aufsteiger Union Berlin (Urs Fischer) setzen auf Schweizer Trainer.

Und bis dato arbeitslose, aber arbeitswillige Übungsleiter wie Jürgen Klinsmann, Felix Magath, Markus Weinzierl und so weiter blieben unberücksichtigt. Mal wieder. „Früher gab es in der Bundesliga ein Trainerkarussell, auf dem saßen ungefähr 25 Leute. Wenn du einmal runtergeflogen bist, bist du beim nächsten freien Sitz wieder aufgesprungen“, sagt der langjährige Bundesliga-Coach Peter Neururer, der seit fast fünf Jahren auf einen Trainerjob im Profifußball wartet. Der 64-Jährige ergänzt: „Heute ist es so, dass auch verstärkt auf junge Trainer aus den Nachwuchsleistungszentren zurückgegriffen wird.“

Auch daraus entwickelte sich spätestens mit der Beförderung von Julian Nagelsmann (heute bei RB Leipzig) bei der TSG 1899 Hoffenheim Anfang 2016 ein Trend. Es folgten beispielsweise Hannes Wolf beim VfB Stuttgart oder Domenico Tedesco beim FC Erzgebirge Aue. Aber es werden auch wieder neue Trends kommen. Ganz bestimmt.

 Bei den Sportchefs ist der Druck groß, weiß BDFL-Chef Lutz Hangartner.
Bei den Sportchefs ist der Druck groß, weiß BDFL-Chef Lutz Hangartner. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert