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Fußball-WM in Russland
Alle Augen sind auf Hierro gerichtet

13 Jahre spielte Fernando Hierro in der Nationalmannschaft – und noch länger für Real Madrid. Jetzt stellt Spaniens eilig berufener Interimstrainer die Tore im Training selbst auf.
13 Jahre spielte Fernando Hierro in der Nationalmannschaft – und noch länger für Real Madrid. Jetzt stellt Spaniens eilig berufener Interimstrainer die Tore im Training selbst auf. FOTO: dpa / Baldesca Samper
Sotschi. Der Interimstrainer soll den Titelkandidaten Spanien heute zum WM-Auftaktsieg gegen Erzrivale Portugal führen.

Als die „schlimmsten Stunden in der Geschichte der Seleccion“ endlich vorüber waren, versuchte Fernando Hierro fast verzweifelt, den Blick wieder auf das Wesentliche zu lenken. „Wir haben keine Zeit, uns selbst zu bemitleiden. Wir haben keine Zeit, an etwas anderes zu denken. Unser Ziel ist es, Weltmeister zu werden“, sagte der eilig berufene Interimstrainer.

Hierro präsentierte sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Nachfolger des geschassten Julen Lopetegui als Fels in der Brandung. Und diesen hat die spanische Nationalmannschaft vor dem schweren Auftaktspiel gegen Europameister Portugal mit Superstar Cristiano Ronaldo heute Abend in Sotschi (20 Uhr/ARD) bitter nötig. Denn die Seleccion gleicht einem Pulverfass.

Die Blitzscheidung von Lopetegui nach dem Bekanntwerden seines Wechsels zu Real Madrid, von El Pais als Wurf einer „Handgranate in die Baracken der Nationalelf“ bezeichnet, wirkte auch gestern nach, zumal Real – erneut ohne Rücksicht auf Verluste – Lopetegui gestern Abend bereits offiziell vorstellte. Aus der Heimat hagelte es Schlagzeilen, Fans und Experten (2010-Weltmeister Xavi: „Keine leichte Situation“) sind in großer Sorge. Im Team drohen alte Wunden im Zwist zwischen Spielern von Madrid und Barcelona wieder aufzubrechen.



„Alle zusammen. Jetzt mehr denn jemals“, twitterte Barca-Star Gerard Pique demonstrativ und sprang damit seinem Madrider Kapitän zur Seite: Sergio Ramos, der sich vehement für eine Weiterbeschäftigung von Lopetegui eingesetzt hatte, teilte voller Pathos vorsorglich mit: „Wir sind die Seleccion, wir repräsentieren das spanische Wappen, die Farben, die Fans, das Land. Gestern, heute und morgen, gemeinsam. Vamos Espana.“

Diesen Lippenbekenntnissen müssen die Stars der Roten Furie nun allerdings Taten folgen lassen. Nicht allen Spielern dürfte die Inthronisierung der Real-Legende Hierro gefallen. „Jetzt darf man gespannt sein, wie Fernando mit der ganzen Situation umgeht“, schrieb die Tageszeitung Sport. Marca bezeichnete die turbulenten Tage als die „Krise von Krasnodar“: „Die schlimmsten 19 Stunden in der Geschichte der Seleccion. Hierro übernimmt eine Nationalmannschaft, die jetzt Einigkeit braucht.“

Tatsächlich kann Hierro, bisher Sportdirektor der Seleccion, eigentlich nur verlieren. Unter Lopetegui, dem Herz und Hirn der jüngsten Erfolge, blieb Spanien in den vergangenen 20 Spielen ungeschlagen, die WM-Qualifikation war brillant, die Iberer galten im Vorfeld der WM als Titelkandidat.

Doch von der Jagd nach dem verlorenen Pokal spricht kurz vor dem Start kaum noch jemand. „Ich tippe nicht mehr auf Spanien, außer sie machen so etwas Geniales, wie Pep Guardiola zu fragen, ob er für ein paar Wochen übernimmt“, twitterte Gary Lineker.

Hierro ficht die miese Stimmungslage um den Weltmeister von 2010 zumindest offiziell nicht an. „Alles, was passiert ist in den vergangenen Tagen, taugt nicht als Rechtfertigung für irgendwas“, sagte der Eisenmann (Hierro bedeutet auf Deutsch „Eisen“) fast ein bisschen trotzig. Und doch schwang ein ordentliches Maß an Erleichterung mit, als die spanische Entourage Krasnodar gestern verließ und Richtung Sotschi aufbrach. „Wir haben hier eine große Chance. Aber wir haben auch eine große Verantwortung. Das ist meine Botschaft“, sagte Hierro. Der Andalusier ist kein Trainer vom Format eines Guardiola, und mit den Erfolgen Lopeteguis kann er sich durch sein einjähriges Engagement als Coach bei Real Oviedo in Spaniens 2. Liga nicht messen.

13 Jahre in der spanischen Nationalmannschaft und eine noch längere Ära bei Real Madrid mit dem Gewinn diverser Titel könnten Fernando Hierro den nötigen Respekt im Team verschaffen. Ob das reicht, wird sich heute Abend erstmals zeigen.