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Fußball-Nationalmannschaft
Löw ist Bundestrainer auf Bewährung

 Mit einer Bilanz wie in 2018 wird Bundestrainer Joachim Löw das Jahr 2019 nicht überstehen. Dementsprechend muss der 58-Jährige Ergebnisse liefern und damit auch die deutschen Fans wieder von sich überzeugen.
Mit einer Bilanz wie in 2018 wird Bundestrainer Joachim Löw das Jahr 2019 nicht überstehen. Dementsprechend muss der 58-Jährige Ergebnisse liefern und damit auch die deutschen Fans wieder von sich überzeugen. FOTO: dpa / Ina Fassbender
Frankfurt. Die DFB-Spitze ist von dem 58-Jährigen weiterhin absolut überzeugt. 41 Prozent der Deutschen sehen das anders. dpa

Joachim Löw ist heilfroh, dass sein schlechtestes Jahr als Fußball-Bundestrainer Geschichte ist. „Es ist gut, dass nun 2019 beginnt“, sagt der 58-Jährige zum Jahreswechsel. Er muss die kommenden zwölf Monate nutzen, um die Nationalmannschaft nach dem WM-Desaster in Russland, dem folgenden Abstieg in die zweite Liga der Nations League und dem Minusrekord von sechs Niederlagen in einem Kalenderjahr wieder in die Weltspitze zu bringen. Löw hat „zwei wichtige Themen“ ganz oben auf die Agenda gesetzt: Das eine ist die Qualifikation für die EM 2020, das andere der personelle Umbruch.

Löw will den „jungen Spielern Raum geben“ und sie so entwickeln, um beim nächsten Turnier in anderthalb Jahren „präsent zu sein und viel besser abzuschneiden als in Russland“. Die Jahrgänge 1995/1996 rückten schon in den letzten Partien 2018 in den Vordergrund und in die Verantwortung. Akteure wie Joshua Kimmich (23), Timo Werner (22), Niklas Süle (23), Leon Goretzka (23) und Julian Brandt (22) waren schon beim WM-Debakel dabei. Dazu stießen Spieler wie der vor der WM ausgemusterte Leroy Sané (22), Serge Gnabry (23), Thilo Kehrer (22) oder das Leverkusener Ausnahmetalent Kai Havertz (19).

Alte raus, junge Tempospieler rein – verkürzt ausgedrückt ist das der Weg, den Löw nach einem zögerlichen Neustart im Sommer erst unter dem Druck des 0:3 in den Niederlanden wirklich einzuschlagen bereit war. „Der Umbruch ist im Gange“, verkündete der Weltmeistertrainer von 2014 zuletzt. Löw wollte und will ihn aber „nicht abrupt“ vollziehen. „Die Jungen brauchen Halt und Orientierung“, findet er.



Teamsenior Manuel Neuer (32) bleibt Löws Kapitän. Auf den Münchner Torwart hat er sich vorerst bis zur EM 2020 als Nummer 1 festgelegt. Auch Toni Kroos, der an diesem Freitag 29 Jahre alt wird, behält einen Sonderstatus, während andere 2014-Weltmeister wie das Münchner Trio Jérôme Boateng (30), Mats Hummels (30) und Thomas Müller (29) deutlich an Bedeutung eingebüßt haben.

Kapitän Neuer unterstützt den fließenden Übergang, er spürt eine „neue Dynamik in der Mannschaft“. Die letzten Spiele 2018 gegen Russland (3:0) und die Niederlande (2:2) wertet der Torhüter als Trendwende. Das Spielsystem wurde modifiziert. Das 3-4-3 mit pfeilschnellen Angreifern wie Sané, Gnabry und Werner hat den Ballbesitz-Fußball abgelöst. „Wir haben einen neuen Spirit in der Mannschaft, aber auch neuen Speed und Spielwitz“, sagt Neuer.

Unter den Top Zehn der Feldspieler mit den meisten Einsatzminuten in den Länderspielen seit der WM befinden sich immerhin schon fünf aus den Hoffnungs-Jahrgängen 1995 und 1996 (Kimmich, Werner, Süle, Kehrer, Sané). Der Blick im DFB geht schon Richtung Sommer 2020. „Die EM ist die Zielsetzung, die wir verfolgen“, sagt Reinhard Grindel.

Der DFB-Präsident hatte den Vertrag mit Löw schon vor dem blamablen Vorrunden-Aus in Russland bis zur nächsten WM-Endrunde 2022 in Katar verlängert. Vier Jahre blickt aber niemand mehr voraus. Löw muss 2019 eine überzeugende EM-Qualifikation abliefern. In der Gruppe mit den Niederlanden, Nordirland, Estland und Weißrussland ist Platz zwei das Minimum. Auf den Jahresauftakt am 20. März in Wolfsburg gegen Serbien folgt vier Tage später gleich das brisante Auftaktspiel in den Niederlanden. „Angesichts dieser Gruppe muss man sich qualifizieren. Da gibt es gar keine Frage“, sagt Grindel.

Ein weiteres Katastrophenjahr wie 2018 würde Löw auch DFB-intern nicht mehr verziehen. Viele Fans sehen den lange umjubelten „Jogi“ inzwischen kritisch. 41 Prozent der Deutschen halten Löw nicht mehr für den richtigen Bundestrainer, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur ergab. Nur 35 Prozent der Befragten bejahten die Frage, ob Löw noch der Richtige sei.

Der öffentliche Druck könnte helfen. Die Leistung der Nationalmannschaft war in der Ära Löw stets auch ein Abbild der Trainer-Performance. Im zurückliegenden WM-Jahr wirkte Löw abgehoben, entrückt, bequem – und so trat dann auch sein Team auf. In 13 Jahren als ihr Chef war Löw meist dann am besten, wenn er die Komfortzone verlassen musste. 2010 ging er vertragslos in seine erste WM als Cheftrainer und führte die Truppe ohne den kurz vor dem Turnier verletzten Kapitän Michael Ballack auf Platz drei. In Südafrika begeisterte Deutschland mit frischem Fußball und Turnier-Debütanten wie Neuer, Mesut Özil, Sami Khedira oder Müller. Ähnlich war es 2014, als Löw die Goldene Generation um Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und Per Mertesacker in Brasilien – 24 Monate nach dem von ihm vercoachten EM-Halbfinale 2012 – zum WM-Titel führte.

Als Trainer-Sternstunde gilt aber der Confed Cup 2017. Löw formte damals in kurzer Zeit aus einem zusammengewürfelten Team den Turniersieger. Diese Bravourleistung sorgte dafür, dass die Verbandsspitze über das blamable WM-Versagen hinwegsah und Löw auch Anfang 2019 immer noch als bestmöglichen Bundestrainer ansieht. Das muss er in 2019 bestätigen.