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„Wir sind nicht Burka“

 De Maizières Zehn-Punkte-Plan zur Leitkultur teilt die Republik in Befürworter und Gegner. Foto: Michael Kappeler/dpa
De Maizières Zehn-Punkte-Plan zur Leitkultur teilt die Republik in Befürworter und Gegner. Foto: Michael Kappeler/dpa FOTO: Michael Kappeler/dpa
Berlin. Innenminister de Maizière fordert Debatte über Leitkultur. Nicht nur die Opposition wittert rechte Stimmungsmache. Ruppert Mayr

Innenminister Thomas de Maizière (CDU) hat die Bundesbürger aufgerufen, sich selbstbewusst zu einer deutschen Leitkultur zu bekennen und sie vorzuleben. "Wer sich seiner Leitkultur sicher ist, ist stark", schrieb de Maizière in der "Bild am Sonntag". Wenn diese eigene Kultur "uns im besten Sinne des Wortes leitet, dann wird sie ihre prägende Wirkung auf andere entfalten. Auch auf die, die zu uns kommen und bleiben dürfen". Dafür erhielt der Innenminister aus den eigenen Reihen viel Zustimmung. Der politische Gegner sieht in der von de Maizière angestoßenen Debatte um eine deutsche Leitkultur dagegen vor allem Wahlkampf und rechte Stimmungsmache.

De Maizière nannte einen Katalog von zehn Punkten, der jenseits von Grundrechten und Grundgesetz nach seiner Einschätzung die Leitkultur ausmacht. Dies seien keine Rechtsregeln, "sondern ungeschriebene Regeln unseres Zusammenlebens", die durchaus um weitere Punkte ergänzt werden könnten, argumentierte der Innenminister. Unter anderem hob er hervor, dass Deutschland eine "offene Gesellschaft" sei. "Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka."

In Deutschland sei "Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft". Kirchliche Feiertage "prägen den Rhythmus des Jahres. Kirchtürme prägen unsere Landschaft". Gleich wohl sei Deutschland weltanschaulich neutral. "Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig." Zum Mehrheitsprinzip gehöre der Minderheitenschutz. Gewalt werde grundsätzlich nicht akzeptiert. "Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre nicht mit Gewalt." Die Deutschen "sind aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere." Zur Leitkultur gehörten auch ein Bildungsideal, der Leistungsgedanke, das Erbe der deutschen Geschichte mit dem besonderen Verhältnis zu Israel und der Kulturreichtum, so de Maizière.



Aus den Reihen von SPD, FDP und Grünen kam Widerspruch. SPD-Generalsekretärin Katarina Barley erklärte: "Unsere Leitkultur heißt Grundgesetz. Darin sind alle wichtigen Aspekte des Zusammenlebens in Deutschland geregelt. Die Gleichstellung von Mann und Frau, die Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit sowie das Gewaltmonopol des Staates." De Maizière bediene mit seinen Thesen "nur rechte Ressentiments". Für FDP-Chef Christian Lindner will de Maizière lediglich Wahlkampf machen: "Der Beitrag von Herrn de Maizière ist ein Ablenkungsmanöver. Die CDU bringt eine moderne Einwanderungspolitik mit gesetzlicher Grundlage nicht zustande. Stattdessen werden jetzt alte Debatten aufgewärmt." Der frühere Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) nannte im Kurznachrichtendienst Twitter den Vorstoß "pure rechte Stimmungsmache". Aus Sicht von Grünen-Chefin Simone Peter braucht Deutschland keine Debatte über eine Leitkultur, sondern "eine neue Innenpolitik, die Integration voranbringt, rechte Netzwerke prüft und islamistische Gefährder im Auge hat".

Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry ging den Innenminister über Twitter persönlich an: "Modell de Maizière: Deutsche Leitkultur während der Legislatur torpedieren, zwei Wochen vor der Wahl den großen Kulturverteidiger spielen".

Zustimmung kam aus der Union. CDU-Vize Thomas Strobl sagte der "Heilbronner Stimme": "Der Einwurf des Bundesinnenministers ist goldrichtig." Er fügte hinzu: "Wenn ich mir anschaue, wie die in Deutschland lebenden türkischen Staatsbürger beim Referendum abgestimmt haben, muss ich sagen: Das ist auch eine Folge gescheiterter Integration." Deutschland habe in der Vergangenheit Integration zu wenig eingefordert. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sagte: "Es ist überfällig, dass die Debatte über Leitkultur endlich auch in Berlin geführt wird." Ohne gemeinsame Selbstverständlichkeiten zerfalle eine Gesellschaft; die deutsche Leitkultur sei viel mehr als das Grundgesetz.