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Wie eine Mutter in den USA um ihren erschossenen Sohn trauert
„Die Szenen kommen immer wieder“

 Marvella Shaw kommt über den Tod ihres Sohnes Matthew nicht hinweg, der bei einem Sommerspaziergang erschossen wurde. Nicht nur mit Fotos hält sie die Erinnerung an ihn wach.
Marvella Shaw kommt über den Tod ihres Sohnes Matthew nicht hinweg, der bei einem Sommerspaziergang erschossen wurde. Nicht nur mit Fotos hält sie die Erinnerung an ihn wach. FOTO: Friedemann Diederichs
Washington. In den USA sterben jährlich 40 000 Menschen durch Schusswaffen. Für die Angehörigen bleibt oft nur die große Leere. Von Friedemann Diederichs

Wer durch die Haustür von David und Marvella Shaw ins Wohnzimmer tritt, sieht ihn sofort: Den auf einer Kommode improvisierten Schrein. Eine kitschige Glasskulptur mit betenden Händen. Eine Handvoll vertrocknender Rosen. Eine grüne Porzellan-Urne. Und ein gerahmtes Foto, das einen lächelnden jungen Mann mit einer Baseball-Kappe zeigt, der eine mit Kerzen bestückte Torte vor sich hat.

„Das war im März,“ sagt Marvella Shaw, „an Matthews 30. Geburtstag“. Sie sitzt auf der Couch, ihre Hände knüllen immer wieder feuchte Taschentücher zusammen. Nur selten gibt es für sie Besuch. Einmal war in den letzten Monaten eine Mitarbeiterin der örtlichen Justiz da. Sie kümmert sich um jene, die – wenn in den USA ein Mensch ermordet wird – ratlos, trauernd, wütend und mit so vielen Fragen zurückbleiben. Die Shaw-Familie – Marvella, Vater David und Matthews Zwillingsbruder Robert – zählen seit dem warmen Sommerabend des 23. Juli zu diesem Personenkreis.

An jenem Tag ist es bereits später Abend, als Matthew Shaw mit seinem Bruder zu dem zur Routine gehörenden Spaziergang durch die Nachbarschaft unterwegs ist. Sie wollen versuchen, als Sperrmüll entsorgtes Metall zu finden, um dieses dann zu verkaufen. Es ist jene Nacht, in der Matthew zu einem von rund 40 000 Opfern wird, die jedes Jahr in den Vereinigten Staaten durch den Gebrauch von Schusswaffen ihr Leben verlieren. Matthew Shaw stirbt wie so viele andere schuldlos und per Zufall. „Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Platz“ – mit dieser beliebten Floskel beschreibt ein Sprecher der Polizei in Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico den Mord an Matthew Shaw. Die Zwillinge kommen kurz vor Mitternacht an einer Auto-Waschanlage vorbei. Dort hat der 22-jährige, mehrfach vorbestrafte Jerred Holguin einen gestohlenen Wagen geparkt, lungert mit Freunden um das Fahrzeug herum. Die Shaw-Brüder sind, so berichtet es Robert, auf der anderen Straßenseite. Plötzlich zieht, das zeigt ein Überwachungsvideo, Holguin eine Pistole aus dem Hosenbund und feuert einen einzigen Schuss in Richtung der Brüder. Die Kugel trifft Matthew in den Rücken. Er bricht sterbend zusammen. Anwohner wählen den Notwurf 911. Der Mörder flieht.



Für Marvella Shaw ist das, was danach geschieht, auch Monate nach dem Verbrechen ein täglich frischer Alptraum. „Die Szenen kommen immer wieder“, sagt sie. Szenen wie diese: Robert, der zunächst versucht, mit seinem leblosen Zwilling zu reden. Der dann die wenigen hundert Meter nach Hause rennt und die Eltern aufweckt. Wie Marvella zur Autowaschanlage läuft, wo die Cops sie daran hindern, ihren toten Sohn zu sehen. „Ich wurde ganz taub“, beschreibt sie den Moment, als ein Beamter ihr sagt: „Wir konnten ihm nicht mehr helfen“.

Benebelt vom Schock taumeln Marvella und ihr Mann dann Stunden später nach Hause. Es ist, wie sie sagt, der Beginn der ganz großen und nie verschwindenden Leere in ihrem Leben. Ein Zustand, den wohl nur jene verstehen, die selbst durch eine solche Tragödie gegangen sind. Wenn Marvella zum Abendessen den Tisch deckt, setzt sie immer noch Besteck und einen Teller an die Stelle, wo Matthew gesessen hat. „Das geht irgendwie automatisch.“ Auch Matthews Stuhl haben die Shaws nicht weggerückt. Manchmal, sagt sie, spricht sie unbewußt zu ihrem toten Sohn. „Was möchtest Du heute essen, Matthew?“

Drei Wochen nach der Tat wird der Todesschütze verhaftet und angeklagt. Die Medien hatten über den „Mord am Carwash“ groß berichtet, denn die Stadt befindet sich auf dem besten Weg zu einem neuen Rekord an Kapitalverbrechen für das Jahr. Es ist schließlich die Mutter des Täters, die ihn auf dem Überwachungsvideo erkennt und die Polizei anruft. Doch für Marvella Shaw und ihre Familie ändert sich danach wenig. „Freude gibt es für uns nicht mehr“, sagt sie, „was wir noch wollen, ist Gerechtigkeit.“ Irgendwann in 2020 wird der Mordprozess stattfinden. Doch selbst wenn der Täter die Mindeststrafe von 30 Jahren Gefängnis erhalten sollte, wird dies die Shaws nicht trösten oder ihnen inneren Frieden bringen. „Der Mörder atmet, redet und isst. Es ist einfach nicht fair,“ beschreibt Mathews Mutter die Gedanken, die ihren Alltag prägen.

Dass Matthew ihr von einer der guten Taten berichtet, die sein Leben prägten. „Wenn er einen Obdachlosen sah, gab er ihm sein Getränk“, sagt sie. Und dass Matthew mit ihnen allen auf dem Sofa einen Film schaut, in dem Flugzeuge vorkommen. „Er wollte zur Luftwaffe, aber sie haben ihn nicht genommen“, berichtet Marvella. Stattdessen arbeiteten Matthew und Robert gemeinsam in einem benachbarten Supermarkt. Doch Robert, der immer von seinem Zwilling abhängig war, hat den Job aufgegeben. Nur selten spricht der Bruder, wenn der Mord zur Sprache kommt. Bis auf diesen Satz: „Ich weiß doch nicht, was ich tun soll. Matthew ist nicht mehr hier.“

Als ich das Haus der Shaws verlasse, liegt auf dem Couchtisch ein Haufen benutzter Taschentücher. Marvellas Augen sind gerötet, als sie die Tür öffnet. Kurz zuvor hat sie mir gesagt, wie ihr abendliches Ritual aussieht. Sie löscht die Lichter im Haus. Zündet eine einzelne Kerze an dem Schrein an. Dann, auf dem Weg ins Bett, ruft sie drei Worte in das Schlafzimmer ihres ermordeten Sohnes: „Gute Nacht, Matthew“.