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Schutz für Kinder
Wenn Schulen zu Schlachtfeldern werden

BRÜSSEL (epd) Immer häufiger werden Bildungseinrichtungen in bewaffneten Konflikten angegriffen. Dabei sind Schüler und Lehrer oftmals nicht zufällige Opfer, sondern werden von Terrorgruppen und Milizen gezielt ausgewählt.

Und auch staatliche Truppen sind mancherorts wenig zimperlich. Von 2013 bis 2017 wurden mehr als 12 700 Angriffe auf Bildungseinrichtungen gezählt, wie aus einem Bericht des Bündnisses „Globale Koalition zum Schutz von Bildung vor Angriffen“ hervorgeht. Mindestens 21 000 Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer in 70 Ländern wurden demnach bei den Angriffen verletzt oder getötet.

Dass Schulen immer häufiger angegriffen werden, habe verschiedene Ursachen, erklärte Studienautor Amy Kapit. Ein Grund sei die Ausbreitung von Terrorismus: „Terrorgruppen wollen aus ideologischen Gründen vor allem Mädchen daran hindern, zur Schule zu gehen.“ Deshalb entführten Islamisten wie Boko Haram in Westafrika und die Taliban in Afghanistan gezielt Schülerinnen.

Eine weitere Ursache sieht Kapit in der wachsenden Bereitschaft westlicher Staaten zu Luftangriffen. Dabei würden auch zivile Opfer in Kauf genommen. Die Luftangriffe auf Städte im Jemen beispielsweise hätten dramatische Folgen für die Zivilbevölkerung und träfen regelmäßig auch Schulgebäude. Als dritten Grund nennt Kapit die gewaltsame Unterdrückung von Demonstrationen. „In Ländern wie Syrien finden Proteste vor allem an Universitäten statt, die Opferzahl unter Studenten ist deshalb besonders hoch.“ Diese Entwicklung sei keine Häufung von Einzelfällen, sondern ein Muster, sagt Sandie Blanchet vom Kinderhilfswerk Unicef. „Schulen sind in vielen Ländern zu Orten der Angst geworden.“ In den vergangenen Jahren sei in der Weltgemeinschaft die Erkenntnis gewachsen, dass Bildung auch in Kriegen weitergehen muss, um keine „verlorenen Generationen“ von Analphabeten entstehen zu lassen. „Nun müssen wir dafür sorgen, dass Schulen auch sicher sind“, sagt Blanchet.



2015 haben mehrere Hilfsorganisationen gemeinsam mit den Regierungen von Norwegen und Argentinien die Erklärung zum Schutz von Schulen in bewaffneten Konflikten (Safe Schools Declaration) entwickelt – eine nicht-bindende politische Erklärung und dazugehörige militärische Richtlinien. Die Unterzeichner-Staaten versprechen darin zum Beispiel, bei Kriegshandlungen besondere Vorsicht gegenüber Bildungseinrichtungen walten zu lassen und Schulgebäude nicht – wie in vielen Fällen in der Ost-Ukraine – zu Kasernen umzufunktionieren.Bisher haben 75 Staaten die Erklärung unterzeichnet, Deutschland schloss sich Ende Mai an. „Mehr Schutz für Schulen bedeutet mehr Schutz für Kinder“, erklärte die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler. „Wenn Kindern aufgrund bewaffneter Konflikte der Zugang zu Bildung verwehrt bleibt, kann dies ganzen Generationen nachhaltig schaden.“

Das Land, in dem 2016 und 2017 laut Bericht die meisten direkten oder indirekten Angriffe auf Schulen gezählt wurden, ist die Demokratische Republik Kongo. In drei blutigen Konflikten gab es dort mehr als 1000 Attacken auf Bildungseinrichtungen. Das Land hat die Vereinbarung für sichere Schulen ebenso unterzeichnet wie Nigeria und der Jemen, wo die Organisationen der Bildungskoalition ebenfalls mehr als 1000 Angriffe zählten. Auch im Konflikt zwischen Israel und Palästina wurden Schulen mehr als 1000 Mal attackiert. Palästina unterstützt die Sichere-Schulen-Initiative, Israel nicht.

Die Staaten müssten Verstöße gegen die Vereinbarung systematisch ahnden und die Verantwortlichen bestrafen, fordern die Autoren des Berichts. Doch angesichts der unrühmlichen Rolle von staatlichen Sicherheitskräften in zahlreichen Konflikten wird die Zahl der getöteten Schüler, Studenten und Lehrer wohl eher nicht sinken.