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Interview mit Klimaforscher von Weizsäcker
„Dieser Trend bedroht unsere Menschheit“

Schön und schockierend: Der Blick auf die arktische Tundra. Die Eismassen dort sind wichtig für das Weltklima – aber sie gehen zurück.
Schön und schockierend: Der Blick auf die arktische Tundra. Die Eismassen dort sind wichtig für das Weltklima – aber sie gehen zurück. FOTO: picture alliance / dpa Picture-Alliance / Andrey Zvoznikov / ardea.com
Saarbrücken. Der Biologe spricht über 50 Jahre „Club of Rome“, wie er dort als Co-Präsident die Welt retten will – und die „Grenzen des Wachstums“. Von Pascal Becher

Für den „Club of Rome“ ist die Sache eindeutig: Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann kollabiert die Welt in ein paar Jahrzehnten. Einer von ihnen ist Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker. Der Co-Präsident weiß aber auch, alle bisherigen Warnungen kommen nicht richtig an. Deshalb fordert er jetzt eine Revolution für die Umwelt.

Herr von Weizsäcker, der „Club of Rome“ will die Welt schon seit 50 Jahren retten, indem er global eine nachhaltige Lebensweise etabliert. Um es mal hart zu sagen: Sind Sie damit nicht gescheitert?

WEIZSÄCKER Ja und Nein.



Das Scheitern des Wandels attestiert dem Club auch Jørgen Randers. Und der Norweger ist immerhin einer Ihrer prominentesten Mitstreiter. Co-Autor von „Die Grenzen des Wachstums“. Ihr bislang erfolgreichstes Buch.

WEIZSÄCKER Es war auch unser bislang durchdringendster Weckruf. Die Thesen haben sich in vielen Gemütern niedergeschlagen. Ich bin mir sicher: Wenn wir dieses Buch 1972 nicht veröffentlicht hätten, wäre alles noch viel, viel schlimmer geworden. Dann hätte man die globale Erwärmung, als eine der existenziellen Gefahren für das Überleben der Menschheit, vermutlich noch heute nicht auf der politischen Agenda. Genau wie die Folgen des Waldsterbens oder der Meeresverschmutzung.

Also sind Sie gar nicht gescheitert?

WEIZSÄCKER Doch, das stimmt leider auch. Von 1972 an bis heute hat sich die Weltbevölkerung ungefähr verdreifacht und unser Konsum verzehnfacht. Die Ozeane haben sich dramatisch verschlechtert. Die Klimaveränderung ist inzwischen sogar als bedrohlich anzusehen. Dieses Jahr ist krass. Hinzu kommt die gigantische Zerstörung der biologischen Vielfalt. Täglich sterben Dutzende Pflanzen- und Tierarten aus. Die Welt hat die „Grenzen des Wachstums“ keineswegs respektiert.

Beschreiben Sie bitte mal die Kernthese des Buches.

WEIZSÄCKER Gerne. Man nahm damals vereinfachend fünf Parameter als maßgeblich an: die Bevölkerung, die verbrauchte Nahrung pro Kopf, der Industrie-Output pro Kopf, die Umweltverschmutzung und die Ressourcenverfügbarkeit. Man hat ausgerechnet, wenn sich diese Parameter so weiter entwickeln wie bisher, würde die Welt in deutlich weniger als 100 Jahren einen gigantischen Kollaps erleben. Das war zwar eine recht primitive Mathematik, aber im Kern stimmt die These. Das war damals ein Schock. Man hatte in den 1960er Jahren die Vorstellung: Ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent sei normal und dass das immer so weiter gehen wird.

Wäre so ein Notruf heute nicht auch wieder nötig? In Europa erstarken derzeit rechte Parteien, die allesamt den Klimawandel leugnen. Genau wie der US-Präsident Donald Trump…

WEIZSÄCKER Dieser politische Trend erschreckt mich. Er bedroht unsere Menschheit.

Wenn wir so weitermachen wie bisher, wann erreichen wir das Jahr, in dem die Welt kollabiert?

WEIZSÄCKER Es wäre unseriös, Zahlen zu nennen. Eher sollte man die Tipping-Points im Blick halten.

Das sind Punkte, an denen markante Änderungen eintreten. Geben Sie mal ein Beispiel?

WEIZSÄCKER Die Erwärmung führt dazu, dass das Grundeis in der Tundra von Sibirien und Kanada schmilzt. Dabei werden gigantische Mengen Methan freigesetzt, und das ist ein schlimmeres Gas für das Weltklima als Kohlenstoffdioxid. Irgendwann kann ein Punkt erreicht werden, an dem eine sich selbst beschleunigende Katastrophe ausgelöst wird.

Was bedeutet das?

WEIZSÄCKER Dann geht es nicht mehr um ein Viertel Grad mehr beim Erdklima. So stolpern wir locker über die Drei-Grad-Marke. Das wäre eine ganz üble Geschichte. Das Polareis im Süden und Norden könnte ins Meer rutschen. Einschließlich Grönland. Und der Meeresspiegel stiege dann um mehrere Meter an. Was ist dann mit Amsterdam? Was mit Hamburg? Helsinki? Ägypten, Bangladesch und Florida? Oder den Millionen-Metropolen an den asiatischen Küsten? Das wäre eine noch viel schlimmere Katastrophe als Tschernobyl und Fukushima. Aber ich habe das Gefühl, dass die Meeresspiegel als Problem in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Noch rechtzeitig?

WEIZSÄCKER Ich hoffe es. Nur: Die heutigen Nachhaltigkeitstrends sind nicht effektiv genug, um diesen negative Entwicklung zu stoppen. Wir brauchen ein tiefgreifendes Umdenken, eine neue Aufklärung.

Eine Revolution fürs Weltklima also.

WEIZSÄCKER Der praktisch regellose globale Markt ist ein primitiver Wachstums- und Profitmarkt. Für die Sorgen über Klima, Ozeane oder biologische Vielfalt hat der keine Antenne. Und wenn wir Regeln einführen wollen, brüllen die Amerikaner, das sei das Ende der Freiheit und des Wohlstands, und die neuen rechtsgerichteten Parteien brüllen mit.

Revolutionäre Regeländerungen machen den Menschen aber Angst.

WEIZSÄCKER Wir wissen das. In unserem neuen Buch „Wir sind dran“ jammern wir nicht, sondern machen sozial- und wirtschaftsverträgliche Poltikvorschläge. Man muss ja die Regeln nicht explosionsartig einführen. Die Menschen sollen ja mitgehen können. Klimaschutz, Kontrolle der Finanzmärkte, eine sanfte ökologische Steuerreform kann man in kleinen Schritten auf den Weg bringen. Und man kann es damit begründen, dass damit die gefürchteten Schocks vermieden oder gemildert werden.

Wo sollen wir konkret anfangen?

WEIZSÄCKER Die CO2-Steuer würde den Klimaschutz schrittweise profitabel machen. Wir könnten beispielsweise die CO2-Ausstöße jedes Jahr um so viel teurer machen, wie die erneuerbaren Energien und die Energie-Effizienz im abgelaufenen Jahr vorangekommen sind. Der Wohlstand würde nicht teurer, und die Investoren würden ihre Priorität in Richtung Klimaschutz verschieben. Deutschland und Europa (und Japan und China) könnten vorausgehen und vormachen, dass man so Arbeitsplätze sichert und Wohlstand mehrt. Ich bin optimistisch, dass das dann weltweit Schule macht.

Und dann bräuchte der „Club of Rome“ nicht mehr vor den Grenzen des Wachstums warnen, sondern könnte für ein zwar langsameres, dafür aber ökologisch nachhaltiges Wirtschaftswachstum werben.

WEIZSÄCKER Dann wären wir zumindest unserem Ziel, den globalen Kollaps zu verhindern, schon mal einen großen Schritt näher.

Das Interview führte Pascal Becher

In der Saarbrücker Volkshochschule hält Ernst Ulrich von Weizsäcker am Montag, 19 Uhr, einen Vortrag über den „Club of Rome“ und sein neues Buch. Organisiert haben die Veranstaltung die Lions Clubs Saarbrücken und Halberg sowie das Historische Museum Saar. Anmeldungen per Mail unter info@hismus.de oder telefonisch unter (0681) 506 45 06.