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Atomkraftwerk Fessenheim
Warum ein kleines gallisches Dorf die Atomkraft liebt

Die Idylle mit Schwan trügt. Das AKW Fessenheim ist störanfällig und soll bis 2019 dicht machen.
Die Idylle mit Schwan trügt. Das AKW Fessenheim ist störanfällig und soll bis 2019 dicht machen. FOTO: Patrick Seeger / dpa
Fessenheim. Der Meiler im französischen Fessenheim soll bald stillgelegt werden. Das wollen die Regierung und die deutschen Nachbarn – aber die Anwohner nicht. Von Violetta Kuhn

Feinde und Freude des Atomkraftwerks Fessenheim leben nah beieinander. Räumlich trennt sie nur der Rhein. Doch Welten liegen zwischen ihnen, wenn es um ihre Meinung zu diesen ältesten noch laufenden Atomreaktoren Frankreichs geht.

Auf der deutschen Rheinseite fordern Bürgerinitiativen und Politik seit Jahren vehement das Ende der Anlage (so wie das Saarland und Rheinland-Pfalz seit Langem ein Ende des AKW Cattenom fordern). Die Argumente der baden-württembergischen Landesregierung: Bei einem schweren Unfall in Fessenheim, das unmittelbar an der deutsch-französischen Grenze liegt, müsste das rund 20 Kilometer Luftlinie entfernte Freiburg komplett evakuiert werden. Zudem stehe das Atomkraftwerk nicht auf ewig festem Grund – und nahe der erdbebenstärksten Region Deutschlands. Gegen Erdbeben seien die Reaktoren nur unzureichend gesichert.

Im Elsass dagegen kämpfen Politiker, Gewerkschaften und Anwohner wohl genauso erbittert um die Erhaltung des rund 40 Jahre alten Kraftwerks. Doch jetzt haben sie den Kürzeren gezogen. Die Politik und der Betreiber EDF haben den Betriebsstopp der Anlage für Ende 2018 oder Anfang 2019 angekündigt – und in Fessenheim versteht man die Welt nicht mehr.



„Das Kraftwerk ist so gefährlich nun auch wieder nicht“, sagt Philippe Mailly, ein älterer Herr. Besser gesichert als die Anlage in Tschernobyl mit ihrer Atomkatastrophe im Jahr 1986 sei es allemal. „Ich kenne Fessenheim nur mit dem Kraftwerk“, sagt eine Bäckereiverkäuferin. „Mich hat es noch nie gestört.“ Und einer Passantin, die auf dem Weg zur Bank ist, machen die Reaktoren mehr Angst, wenn sie erst einmal abgeschaltet sind. „Solange das Kraftwerk läuft, wird es wenigstens überwacht.“

Es ist klar: Fessenheim ist mit dem Kraftwerk eng verbandelt. Unzählige Hochspannungsleitungen prägen den Blick auf den Ort und das dahinterliegende Bergpanorama der Vogesen. 80 Prozent der Steuereinnahmen verdankt die Kommune dem Kraftwerk, wie französische Medien vorrechnen. An den Toren der Anlage selbst hängen große Transparente. Auf einem heißt es: „Das Kraftwerk ist sicher. Auf dass es bestehen bleibe.“

Die Kernkraft hat einen vergleichsweise guten Stand in der Meinung der Franzosen. In einer Umfrage sprachen sich vor zwei Jahren 53 Prozent gegen die Schließung von Anlagen aus. In Deutschland dagegen will eine große Mehrheit den Atom-Ausstieg. Während hierzulande nur noch knapp jede achte Kilowattstunde aus einem Atomkraftwerk kommt, liegt der Anteil in Frankreich noch bei rund drei Vierteln. Eigentlich sollte dieser Anteil bis 2025 auf 50 Prozent sinken. Doch das Ziel verschob Umweltminister Nicolas Hulot nun um bis zu zehn Jahre nach hinten.

Warum dann ausgerechnet das Kraftwerk in seiner Kommune schließen muss, fragt sich Fessenheims Bürgermeister Claude Brender. „Man hat uns als politische Geiseln genommen“, sagt er. Ex-Präsident François Hollande habe das Thema einst entdeckt, um damit die Stimmen der Atomkraftgegner zu gewinnen. Dabei sei die Abschaltung unsinnig: Das Kraftwerk sei abbezahlt, höchst rentabel – und sicher. Warum dann so viele Menschen Angst vor den Reaktoren haben? „Sie sind Opfer von Falschinformationen.“ Viel gefährlicher seien Kohlekraftwerke. Deren Emissionen machten krank.
Wegen der Schließung würden nun viele der rund 2200 direkt oder indirekt beim Kraftwerk Beschäftigten ihre Arbeit verlieren.