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Integration
War’s nur ein Aufschrei, oder gibt es eine Debatte?

BONN (kna) Vor etwas mehr als einer Woche löste Fußballprofi Mesut Özil mit seiner Rücktrittserklärung eine Welle aus: Seit Tagen sind er selbst, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und das Verhalten beider Seiten Thema beim Abendbrot und in journalistischen Artikeln. Von Leticia Witte

Rasch kam auch eine Diskussion über Rassismus und Integration auf. Denn als Begründung für den Rückzug aus der Nationalmannschaft hatte Özil in seiner Erklärung vom vorvergangenen Sonntag Anfeindungen genannt, nachdem er sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hatte fotografieren lassen. Özil kritisierte besonders DFB-Präsident Reinhard Grindel: „In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern“ sei er ein Deutscher, wenn die Mannschaft gewinne, aber ein Migrant, wenn sie verliere.

Die Frage ist, wie es weitergeht. Handelt es sich um eine bald schon abebbende Empörung im medialen Sommerloch, ausgelöst von einem Promi? Oder taugt der Fall eines bekannten Profikickers dazu, den Blick auch einer breiten Öffentlichkeit auf schon lange bestehende Probleme bei der Integration zu lenken und auch auf den Alltagsrassismus, dem Nichtprominente mit ausländischen Wurzeln mitunter ausgesetzt sind? Bei der Wohnungs- und Stellensuche, im Büro oder auf der Straße.

Das wünschen sich zum Beispiel der Initiator von #MeTwo und seine Unterstützer. Der Hashtag in den Sozialen Medien sei eine Aktion „gegen Diskriminierung von Minderheiten, aus dem sich eine konstruktive Wertedebatte entwickeln soll“, sagt Erfinder Ali Can. Das englische Wort für die Zahl Zwei solle bedeuten, dass „zwei Herzen in meiner Brust“ schlagen dürften, erklärt er: „Weil ich mehr bin als nur eine Identität.“ Freilich erinnert der Hashtag an #MeToo, unter dem Frauen in der Sexismus- und Gewaltdebatte über ihre Erfahrungen berichten – bisher durchaus anhaltend. Und teils wurden in der Diskussion strukturelle Probleme angegangen. So sagt Can auch, dass „sozusagen eine ‚MeToo‘-Debatte für Menschen mit Migrationshintergrund“ nötig sei.



Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) forderte jedenfalls  im „Tagesspiegel“: „Wir müssen dringend eine ruhige und gründliche Diskussion darüber führen, wie wir miteinander leben wollen und was einem toleranten Umgang im Weg steht.“ Außenminister Heiko Maas (SPD) zeigt sich in der „Bild“-Zeitung besorgt: „Es schadet dem Bild Deutschlands, wenn der Eindruck entsteht, dass Rassismus bei uns wieder salonfähig wird.“

Kürzlich wurde eine Studie des Duisburger Zentrums für Türkeistudien bekannt, wonach sich Deutsche mit türkischen Wurzeln immer stärker mit der Türkei verbunden fühlen. Leiter Haci-Halil Uslucan nannte es laut Deutschlandfunk besonders problematisch, dass jeder zweite Türkeistämmige die türkische Regierung und Migrantenorganisationen als seine vorrangigen Interessensvertreter wahrnehme.

Auf das Annehmen von Werten in Deutschland pocht die Publizistin Düzen Tekkal. In der „Welt“ fand sie deutliche Worte: Es nerve sie, wenn sich viele Migranten, darunter Leistungsträger, jetzt auf „ihre Herkunft und den Opferstatus“ reduzierten.

Ab wann gehört ein Migrant „dazu“? Der Psychologe Ahmad Mansour sagte heute.de: „Der beste, motivierteste Flüchtling wird scheitern, wenn er keine emotionalen Zugänge zur Mehrheitsgesellschaft hat.“ Mansour dringt auf Kommunikation. Man könne zwar nicht erwarten, dass sich ein konservativer Muslim „von einem Monat auf den anderen ändert und integriert ist. Kommunikation heiße aber zugespitzt: Nicht nur Plakate aufhängen mit ‚Refugees welcome‘, sondern auch: Wir erwarten von euch ein klares Bekenntnis zu unseren Werten.“