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Russischer Anschlag
Verdächtiger im Fall Skripal gilt in seiner Heimat als Held

Alexander Jewgeniwitsch Mischkin soll am Anschlag auf Skripal beteiligt gewesen sein.
Alexander Jewgeniwitsch Mischkin soll am Anschlag auf Skripal beteiligt gewesen sein. FOTO: dpa / -
Lojga. Von Nataliya Vasilyeva, ap

Weit abgelegen in den Wäldern der Region Archangelsk liegt das Dorf Lojga. Hier soll einer der beiden Männer aufgewachsen sein, die Großbritannien für ein grausames Verbrechen verantwortlich macht. Viele Bewohner erinnern sich nach eigenen Angaben gut an Alexander Mischkin. Beim Anblick eines Fotos schwärmen sie geradezu von dem „warmherzigen“ Jungen, der dank Tapferkeit und harter Arbeit Karriere gemacht habe.

„Er ist hier zur Schule gegangen“, sagt Juri Poroschin. „Dort an der Wand hängt sogar ein Bild von ihm. Schließlich ist er ein Held Russlands.“ Er habe gehört, dass Mischkin mit dem höchsten Orden des Landes geehrt worden sei, weil er einem Kommandanten beim Kampf gegen Islamisten in Tschetschenien das Leben gerettet habe, erzählt der in Lojga lebende Maler.

London beschuldigt zwei Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU, im März unter den Decknamen Alexander Petrow und Ruslan Boschirow in die südenglische Stadt Salisbury gereist zu sein. Mit dem noch aus der Sowjetzeit stammenden Kampfstoff Nowitschok sollen sie dort versucht haben, den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia zu töten.



Das britische Recherche-Netzwerk Bellingcat hat die beiden auf Fahndungsfotos abgebildeten Personen identifiziert. Grundlage der Nachforschungen waren Daten unter anderem aus Pässen, Melderegistern, Fahrzeugzulassungen und Anrufprotokollen. Nach der mutmaßlichen Enttarnung des GRU-Obersts Anatoli Tschepiga Ende September hieß es vor wenigen Tagen, dessen Partner sei der 39-jährige Mischkin gewesen, der an der Militärmedizinischen Kirow-Akademie in Sankt Petersburg studiert habe.

Bei einem Besuch in Lojga bestätigten mehrere Personen, dass Mischkin zum Militärarzt ausgebildet worden sei. Einige berichteten, er sei bis zuletzt noch öfters in seine alte Heimat zurückgekehrt, um seine 90-jährige Großmutter zu besuchen. „Ja, das ist er“, sagt Walentina Poroschina, die Frau des Malers, als sie das von der britischen Polizei veröffentlichte Foto gezeigt bekommt. „Er hat große Ähnlichkeit mit seinem Vater und mit seiner Großmutter.“ Zuletzt habe sie vor vier Jahren in einem Zug mit ihm gesprochen. „Er war ein guter Junge“, betont sie. „Er war immer sehr höflich.“ Ihre Enkelin Julia sagt, in der Dorfschule werde Mischkin als großes Vorbild gepriesen.

Mehrere weitere Bewohner des knapp tausend Kilometer nordöstlich von Moskau gelegenen Ortes erkennen den Mann auf dem Fahndungsfoto ebenfalls sofort, wollen sich gegenüber Reportern aber nicht näher äußern. Die Ortsvorsteherin Swetlana Lukina hingegen sagt, die Leute würden sich das nur ausdenken. „Seine Familie lebt hier schon lange nicht mehr. Das sind alles nur Gerüchte.“

Der Ort selbst wirkt während des Besuchs recht einsam und verwahrlost. Die unbefestigten Straßen sind nur für Geländewagen befahrbar. Von den wenigen Menschen, die zu sehen sind, sind mehrere betrunken. „Nur die, die nirgendwo anders hingehen können, bleiben hier“, sagt Poroschin. „Nur Rentner und Alkoholiker sind geblieben. Die guten jungen Leute sind alle weg.“ Am Eingang der Schule steht auf einem Zettel, das Fotografieren und Filmen auf dem Gelände sei verboten.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wollte nicht bestätigen, dass Präsident Wladimir Putin dem Militärarzt Mischkin einen Orden verliehen habe. Die russische Regierung äußere sich nicht zu Medienberichten über den Fall Skripal, sofern es kein offizielles Informationsersuchen der Briten gebe, sagte er.

Nach dem Nervengift-Anschlag von Salisbury am 4. März schwebten Skripal und dessen Tochter mehrere Wochen in Lebensgefahr. Im Juni kam dann ein britisches Paar, vermutlich über ein gefundenes Fläschchen, mit dem Giftstoff in Kontakt. Der Mann überlebte, die Frau starb an den Folgen der Kontamination. Laut Darstellung der britischen Regierung wurde der Angriff „auf hoher Ebene des russischen Staates“ gebilligt. Der Kreml streitet dies ab.

Das Verhältnis zwischen Russland und Großbritannien sowie anderen westlichen Staaten hat sich infolge des Anschlags auf Skripal stark abgekühlt. Der in Moskau lebende Militärexperte Pawel Felgenhauer warnt sogar vor einer weiteren Eskalation. Wenn Russland Spezialeinheiten schicke, um vor Ort derartige Geheimoperationen durchzuführen, dann behandle es Westeuropa in ähnlicher Weise, wie Westeuropa Syrien und Afghanistan behandle – „als Kampfgebiet“.