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Experten mahnen zur Sachlichkeit
Union streitet offen über den Islam-Kurs

Bundes­innenminister
Horst Seehofer.
Bundes­innenminister Horst Seehofer. FOTO: Sven Hoppe / dpa
Berlin. Der Streit um den Umgang mit dem Islam in der Union hat eine parteiübergreifende Debatte ausgelöst. Experten mahnen zur Sachlichkeit.

Politiker aus Bund und Ländern streiten offen über den Umgang mit dem Islam. „Ich werde meine Politik nicht um ein Jota ändern“, bekräftigte Horst Seehofer (CSU) im „Spiegel“. Zugleich zeigte sich der Bundesinnenminister verärgert über Angela Merkel (CDU). Es sei vollkommen unnötig gewesen, ihm öffentlich zu widersprechen.

Die Bundeskanzlerin hatte in ihrer Regierungserklärung Seehofers These in Zweifel gezogen, wonach der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Weil inzwischen Millionen Muslime in Deutschland lebten, sei auch deren Religion Teil des Landes, so Merkel (wir berichteten).

CSU-Generalsekretär Markus Blume stellte sich im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hinter Seehofer. „Wir werden bei der Islam-Debatte nicht lockerlassen“, so Blume.



Der CDU-Vize Armin Laschet sprach sich unterdessen für eine staatliche Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft aus. Es brauche derartige Regeln in einer zunehmend säkularen Gesellschaft, sagte der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen dem Redaktions-Netzwerk Deutschland.

Die AfD lehnte dieses Ansinnen ab. Organisationen wie die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) und der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) hätten ein „fundamentalistisches und orthodoxes Islamverständnis, das in weiten Teilen mit dem Grundgesetz und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung kollidiert“, erklärte der AfD-Bundestagsabgeordnete Andreas Bleck.

Die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock kommentierte den Streit am Freitag mit den Worten: „Die Religionsfreiheit gehört zu Deutschland. Und dass der Islam zu Deutschland gehört, ist gelebter Alltag in unserem Land.“

Der FDP-Parteichef Christian Lindner betonte: „Der Islam ist eine Realität in Deutschland. Aber das Integrations-Leitbild, das wir haben müssen, das muss basieren auf den republikanischen Werten des Grundgesetzes, auf unserer Rechtsordnung, und für die kann es keinen Rabatt geben für niemanden.“

Islam-Experte Ahmad Mansour mahnte eine „ehrliche Debatte“ an. Mit einer Übernahme von AfD-Positionen werde es nicht gelingen, rechte Wähler zurückzugewinnen, warnte Mansour in der „Welt“. „Wer AfD-Wähler zurückgewinnen will, muss die Ängste der Menschen ernst nehmen – und diese nicht populistisch für seine Zwecke nutzen.“

Der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, Mouhanad Khorchide, nahm Christen und Muslime in Deutschland in die Pflicht. Alle Akteure sollten „unsere eigenen Kulturen, unsere eigenen Religionen, unsere eigene Geschichte und damit uns selbst ernster nehmen“, schreibt Khorchide in einem Gastbeitrag für die „Rheinische Post“. Dies sei „der erste Schritt, um mehr Bereitschaft aufzubringen, sich dem Anderen zu öffnen“.