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Türkischer Sinneswandel zu Armenien?

Istanbul. Im Streit um die Bewertung der an Armeniern im Osmanischen Reich begangenen Verbrechen hat der türkische Ministerpräsident Erdogan zur Versöhnung aufgerufen. In einer Botschaft bezeichnete er die Opfer der Armenier als „gemeinsames Leid“. Susanne Güsten

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Er dogan hat als erster Regierungschef in der Geschichte seines Landes in einer offiziellen Grußbotschaft der Massenmorde an den Armeniern im Ersten Weltkrieg gedacht. Die Erinnerung an die Schmerzen sei eine "menschliche Pflicht", betonte Erdogan gestern in einer offiziellen Erklärung des Ministerpräsidentenamtes. Beobachter sprechen von einem bedeutsamen Schritt, auch wenn die Erklärung keine Anerkennung des Völkermords oder eine formelle Entschuldigung darstellt.

Am 24. April 1915 begann die Vertreibung der Armenier im Osmanischen Reich, dem Vorgänger der heutigen türkischen Republik. Nach Überzeugung der Armenier und eines Großteils der internationalen Forschung handelte es sich bei den Massakern und Todesmärschen bis 1917 um einen Genozid mit dem Ziel, die Armenier als Volk auszulöschen. Bis zu 1,5 Millionen Menschen sollen umgekommen sein. Ankara weist den Genozid-Vorwurf zurück, spricht von einer kriegsbedingten Tragödie und setzt die Zahl der Opfer weit niedriger an.

In seiner Erklärung betont Erdogan sein Mitgefühl mit den Opfern und kondoliert den Hinterbliebenen des Verbrechens. Ereignisse wie die Vertreibung der Armenier seien "unmenschlich" gewesen. Alle Volksgruppen des Osmanischen Reiches hätten damals eine schmerzensreiche Zeit durchlebt. Deshalb sprach er sich in Anspielung auf die Bezeichnung Völkermord gegen eine "Hierarchie der Schmerzen" aus. Erdogan erneuerte zudem seinen Vorschlag zur Bildung einer türkisch-armenischen Historiker-Kommission zur Untersuchung der Ereignisse. Die türkischen Archive stünden der Forschung offen.

Ziya Meral, ein in London lebender Türkei-Experte, begrüßte Erdogans Erklärung als "kleinen, aber weitreichenden Schritt". Lange Zeit habe die Türkei geleugnet, dass überhaupt etwas Unschönes passiert sei, erklärte Meral auf Twitter. Nun räume Ankara ein, "dass wirklich schlimme Dinge geschehen sind". Der ehemalige Diplomat Özdem Sanberk meinte, zum ersten Mal habe sich Ankara mit menschlicher Anteilnahme zu dem Thema geäußert. Am Taksim-Platz in Istanbul soll heute eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Völkermordes stattfinden.