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No-Groko-Kampagne
Trotz Niederlage: Juso-Chef Kühnert bleibt wichtig für die SPD

Berlin. Von Christiane Jacke

(dpa) Kevin Kühnert hat gekämpft und verloren – aber irgendwie auch nicht. Denn der Kampf ist nicht beendet, und eine wirklich bittere Niederlage ist das Ergebnis des SPD-Mitgliedervotums für den Juso-Chef ebenfalls nicht. Ihm ist es zwar nicht gelungen, eine weitere große Koalition zu verhindern. Aber Kühnert hat geschafft, was kein Ober-Juso vor ihm erreicht hat: Er hat dem SPD-Nachwuchs ein nie dagewesenes Gewicht gegeben, er hat die Parteispitze das Fürchten gelehrt und die Genossen in der Republik nachhaltig aufgerüttelt. Und was macht er nun? Er bleibt sich treu.

Kurz nachdem das Ergebnis der SPD-Basis-Befragung am Sonntagmorgen verkündet ist – eine Zweidrittelmehrheit für die Groko – tritt Kühnert draußen vor der SPD-Zentrale vor die Journalisten. Ja, der Ausgang sei eine Enttäuschung, sagt er in der klirrenden Kälte. „Wer geglaubt hat, dass wir hier angetreten sind, um stillschweigend eigentlich doch auf ein Ja zu hoffen und nur mal ein bisschen ins Fernsehen zu kommen, hat sich geirrt.“ Die Jusos seien nach wie vor überzeugt, dass ein Nein die klügere Entscheidung gewesen wäre. Aber das Ergebnis sei natürlich zu akzeptieren. „Wir sind keine schlechten Verlierer und werden jetzt versuchen, das Beste daraus zu machen.“

Kühnert stimmt die SPD-Spitze auf ungemütliche Zeiten ein: Die Jusos würden der Parteiführung und der Regierung auf die Finger schauen und wo auch immer nötig laut und deutlich kritisieren. „Wir lassen uns da in keiner Art und Weise irgendwie abbinden.“ Und: Der Juso-Verband werde nicht nachlassen, eine grundlegende Erneuerung der Partei einzufordern. „Wir werden uns da nicht mit Kleinigkeiten zufrieden geben“, kündigt er an.



Für die Parteispitze dürfte Kühnert also unbequem bleiben. Er ist zu einer Art Ikone für die jungen Leute in der Partei geworden und für all jene, die sich die SPD anders wünschen: moderner, kantiger, mit klarem Profil und eigenständigem Kurs. Die SPD-Führung hat schon öffentlich erkennen lassen, dass sie Kühnert gerne eng einbinden würde in den Erneuerungsprozess – auch um alle seine Anhänger und die NoGroko-Bewegung bei der Stange zu halten. Also jenes Drittel der Partei, das nichts mit einer weiteren Runde Groko anfangen kann. Aber so einfach vereinnahmen lassen will sich Kühnert nicht. „Mir ist natürlich nicht entgangen, dass in den letzten Tagen gelegentlich darüber spekuliert wurde, ob man mir jetzt irgendein Angebot machen müsste oder nicht.“ Aber weder er noch die Jusos ließen sich „mit irgendwas einkaufen“. Solche Versuche gebe es auch nicht.

Der 28-Jährige steht erst seit Ende November an der Spitze der Jugendorganisation. Turbulenter hätten seine ersten gut drei Monate nicht ausfallen können. Über Wochen war Kühnert im Dauereinsatz. Unbeirrbar. Unermüdlich. Er tourte quer durch die Republik, legte Tausende Kilometer zurück, gab Hunderte Interviews. Er sezierte gekonnt die Positionen von Schwarz-Rot, die Widersprüche im Kurs der SPD, aber ohne zu verletzen oder zu polemisieren. Nie schrill oder in aggressiver Tonlage, sondern ruhig, aber pointiert.

Und so wie er schon auf seiner No-Groko-Tour immer mahnte, der Laden müsse zusammenbleiben, so tut er das auch an diesem Tag. „Mein Appell an alle, die jetzt auch mit sich und mit dieser Partei hadern, ist, dabei zu bleiben und hier mitzukämpfen.“ Schließlich gehe es jetzt darum, die Partei zu erneuern. Kühnert wird dabei eine wesentliche Rolle spielen. Er hat sich unverzichtbar gemacht. Ob er will oder nicht.