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Neuer Flüchtlings-Brennpunkt
Spanien wird zur neuen Route der Hoffnung

Auf dem Weg nach Europa: Nicht mehr in Italien, sondern in Spanien (hier das Lager in Modril) kommen nun die meisten Bootsflüchtlinge aus Afrika an.
Auf dem Weg nach Europa: Nicht mehr in Italien, sondern in Spanien (hier das Lager in Modril) kommen nun die meisten Bootsflüchtlinge aus Afrika an. FOTO: dpa / Carlos Gil
Motril. Weil Italien abgeschottet ist, kommen immer mehr Flüchtlinge über Andalusien nach Europa. Ein Drama, sagen sie vor Ort – das wohl noch schlimmer wird. Von Ralph Schulze

Den ganzen Tag war der orangefarbene Seenotrettungskreuzer „Rio Aragón“ vor der südspanischen Küste im Einsatz. Mehr als 100 Menschen fischten die Retter binnen weniger Stunden aus dem Wasser, darunter auch zwei Babys. Die schiffbrüchigen Migranten waren in vier kleinen Booten unterwegs. Kleine, wackelige Kähne aus Holz oder Gummi. „So geht das fast jeden Tag“, sagt Juan Alcausa. Der Koordinator des Roten Kreuzes im südspanischen Küstenort Motril wartet mit seinem Team im Hafen auf die Geretteten. Jetzt, wo das Meer ruhiger sei, schickten die Menschenschlepper auf der anderen Seite des Mittelmeers besonders viele Boote auf die Reise. „Wir stehen vor einem heißen Flüchtlingssommer“, befürchtet Alcausa. Im August könnte es noch schlimmer werden.

Die 60 000-Einwohner-Stadt Motril in der andalusischen Provinz Granada ist einer der neuen Brennpunkte des Migrationsdramas am Mittelmeer. Zusammen mit den südspanischen Hafenstädten Algeciras, Almería, Cádiz und Tarifa, wo ebenfalls immer mehr Schiffe aus Nordafrika landen.

Spanien, so scheint es, ist für die Flüchtlinge zum neuen Italien geworden – zur wichtigsten Migrationsroute in Südeuropa. Während an italienischen Küsten immer weniger Boote ankommen können, hat sich die Zahl der Ankünfte in Andalusien verdreifacht. Rot-Kreuz-Mann Alcausa glaubt nicht, dass sich dies schnell wieder ändert. Der Weg nach Italien ist weitgehend gekappt. Weil die EU die Zusammenarbeit mit Libyens Küstenwache verstärkt und die neue Regierung in Rom die Häfen für Flüchtlingsboote geschlossen hat. Nur mit Abschottung und mehr Grenzschutz sei diese Krise nicht zu lösen, meint Alcausa: „Man kann ja nicht überall Mauern errichten.“



Viele jener Migranten, die an diesem Nachmittag in Motril vom Rettungsschiff auf die Hafenmole klettern, haben noch Schwimmwesten an. Andere sind in rote Decken gehüllt, weil sie ausgekühlt sind. Fast alle sind Schwarzafrikaner aus den Armutsländern unterhalb der Sahara. Nach den ersten Schritten auf dem europäischen Kontinent gehen einige auf die Knie, küssen den Boden. Manche recken triumphierend die Arme in die Höhe. „Trotz des Dramas, das sie auf ihrer Reise nach Europa durchmachen, sind sie glücklich, wenn sie hier ankommen“, sagt Alcausa. Die Hoffnung auf ein besseres Leben sei offenbar größer als all das Leiden, das sie durchgemacht haben.

Sie alle müssen auf dem Weg nach Nordafrika die Sahara durchqueren, wo Schätzungen zufolge mehr Migranten sterben als im Mittelmeer. Der 26-jährige Abouo brauchte ein Jahr, um sich von seinem westafrikanischen Heimatland Elfenbeinküste über Mali und Mauretanien durch die Wüste bis nach Marokko durchzuschlagen – unterwegs hat er immer wieder gearbeitet, um die Weiterreise zu bezahlen. „Viele junge Leute in meinem Land wollen nur weg“, sagt er. Und alle hätten nur ein Ziel: Europa.

„Rund 50 000 Schwarzafrikaner warten in Marokko darauf, das Mittelmeer zu überqueren“, meldet Spaniens Zeitung El Mundo unter Berufung auf Sicherheitsbehörden. Manche versuchen es zunächst über die spanischen Nordafrika-Exklaven Melilla oder Ceuta. Andere versuchen, gleich von Marokko aus überzusetzen. So hat es auch Abouo gemacht. In Marokko bezahlte er einem Schlepper umgerechnet 800 Euro für die 180 Kilometer lange Überfahrt. Ja, er habe Angst im Boot gehabt, berichtet er auf Französisch. Angst, nicht lebend anzukommen. Warum er es trotzdem wagte? „In Afrika gibt es keine Arbeit und viele Probleme.“

In Motril erwartet ihn zunächst die Festnahme. Der junge Afrikaner, der zu Hause Lastwagenfahrer war, wird wie alle, die in Motril stranden, von der Polizei in ein geschlossenes Auffanglager im Hafen überführt. Es ist überfüllt mit Menschen. „Die Zustände sind erbärmlich“, beklagt Maribel Mora von der linksalternativen Partei Podemos: „Dies ist ein Haftzentrum, wo sie in Zellen gesteckt werden. Obwohl dies Menschen sind, die auf dem Meer gerettet wurden und viele von ihnen das Trauma eines Schiffsbruchs hinter sich haben.“

In solchen Zentren verbringen die Migranten die ersten 72 Stunden. Bis die Ausländerpolizei über ihr Schicksal entschieden hat. Die meisten können später mit einer Freilassung rechnen. Weil sie im Lager einen Asylantrag stellen, der sie vor Abschiebung schützt. Weil Identität oder Herkunftsland nicht zweifelsfrei geklärt werden können, was auch daran liegt, dass viele ihre Papiere ins Meer werfen. Oder sie kommen schlicht frei, weil sie schnell Platz für die Nächsten machen müssen. Nicht einmal zehn Prozent der Ankommenden werden laut Statistik abgeschoben. Von einem „Kollaps an der andalusischen Küste“ berichten Medien, Hilfsorganisationen beklagen improvisierte Zustände und mangelnden politischen Willen. Das Gefühl überfüllter Lager fache eine fremdenfeindliche Stimmung an.

Davon hat der Polizist, der vor dem Lager Wache schiebt, noch nichts gespürt. Eigentlich darf er nichts sagen. Dann tut er es doch: „Erzählt allen die traurige Wahrheit – das ist ein Drama.“ Die Menschen, die er bewachen muss, tun ihm leid: „Das sind sehr anständige Leute. Gehorsam und fleißig. Die machen uns keine Probleme.“ Die meisten wollten ohnehin nicht in Spanien bleiben. „Die wollen alle nach Frankreich. Und nach Deutschland.“ Weil sie glauben, dass es ihnen dort besser geht als in Spanien, sagt auch Rot-Kreuz-Mann Alcausa. Motril sei nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum Ziel.