| 21:07 Uhr

Schlangen an der Zapfsäule und Stromsperren

Schlangestehen zum Tanken - im Gazastreifen derzeit ein alltägliches Bild. Foto: Knaul
Schlangestehen zum Tanken - im Gazastreifen derzeit ein alltägliches Bild. Foto: Knaul
Gaza. Seit dreieinhalb Stunden steht Mohammed Khalaf in der Warteschlange, um sein Auto zu tanken. Zusammen mit einem Freund schiebt er den Wagen ein paar Meter voran, wenn sich die Schlange langsam vorwärtsbewegt. Noch vier Autos bis zur Zapfsäule. Dann dürfen sie für ganze 50 Schekel (zehn Euro) tanken. "Das sind 20 Liter. Die reichen gerade mal für vier Tage", sagt Chalaf Von SZ-Mitarbeiterin Susanne Knaul

Gaza. Seit dreieinhalb Stunden steht Mohammed Khalaf in der Warteschlange, um sein Auto zu tanken. Zusammen mit einem Freund schiebt er den Wagen ein paar Meter voran, wenn sich die Schlange langsam vorwärtsbewegt. Noch vier Autos bis zur Zapfsäule. Dann dürfen sie für ganze 50 Schekel (zehn Euro) tanken. "Das sind 20 Liter. Die reichen gerade mal für vier Tage", sagt Chalaf. "Dann müssen wir wieder anstehen."Die meisten Zapfsäulen im Gazastreifen sind seit Beginn der Energiekrise vor zwei Monaten längst ausgetrocknet. Ohne Öl gibt es keinen Strom. Die gesamte Infrastruktur hängt am schwarzen Gold. Das einzige Elektrizitätswerk arbeitet nur noch stundenweise. Nördlich der Stadt Gaza sammelt sich ungeklärtes Abwasser und verbreitet einen scharfen Gestank. Auch die Trinkwasserversorgung ist gefährdet, wenn die elektrisch betriebenen Pumpen an den Brunnen aussetzen. Für nur sechs Stunden täglich gibt es Licht, dann herrscht für zwölf Stunden Stromsperre. Der Betrieb in den Krankenhäusern ist nur mit Hilfe von Generatoren möglich. 72 Prozent der Treibstoffvorräte seien bereits aufgebraucht, warnt das Gesundheitsminsterium. Schon gehen Gerüchte um über erste Todesopfer.

"Der Gazastreifen bewegt sich auf einen totalen Zusammenbruch der Grundversorgung zu", berichtet die internationale Hilfsorganisation Oxfam. Sie begründet die Krise damit, dass "die Öllieferungen durch die Tunnel an der Grenze zwischen Gaza und Ägypten unterbrochen sind". Kairo, so heißt es in einem der letzten Berichte, "drängt die Hamas dazu, Treibstoffe aus Israel zu importieren", da Ägypten selbst nicht genug habe.

Ahmed Abu Amreen, Sprecher des Energieministeriums im Gazastreifen, glaubt indes nicht an eine Ölkrise in Ägypten. Kairo "will uns unter Druck setzen", sagt der Hamas-Funktionär. Angeblich verhinderten Sicherheitsprozeduren die Lieferungen durch die Schmugglertunnel im Grenzbereich. Dass die Muslimbrüder in Kairo an Macht gewinnen, ändere nichts an den Spannungen. "Es sind unsere Brüder, aber so ist das nun mal." Was genau die Ägypter verlangen, sei ihm nicht klar. Tatsache ist, dass der Arabische Frühling die Grenzen zum vermeintlich verbündeten Nachbarn nicht deutlich durchgängiger gemacht hat. Der Personenverkehr ist zwar grundsätzlich möglich, doch der Handel findet noch immer unterirdisch statt.



Erneute Lieferungen via Israel lehnt die Hamas ab. "Wir brauchen zuverlässige Quellen, die nichts mit Israel zu tun haben", sagt Achmed Jussuf, ehemals Regierungsberater im Gazastreifen. Jussuf versteht, dass die Führung "nicht länger Geisel der Zionisten" sein will. Allzu oft habe Israel die Lieferungen als Strafmaßnahme vorrübergehend gestoppt. Zuletzt habe auch die Palästinensische Nationalbehörde die Treibstofflieferungen als Druckmittel gegen die Hamas missbraucht, die den Gazastreifen kontrolliert. "Die Versöhnungsgespräche" zwischen Hamas und Fatah zur Gründung einer Nationalen Einheitsregierung kämen "nicht voran".

Die Lösung der Ölkrise, darauf beharrt die Führung im Gazastreifen, sei einzig in Ägypten zu suchen. Langfristig solle der Gazastreifen via Ägypten mit dem arabischen Stromnetz in den Golfstaaten verbunden werden. Die Spendengelder für die dazu nötige Infrastruktur lägen schon bereit, berichtet Abu Amreen. Allerdings werde es zwei Jahre dauern, bis Gaza vernetzt ist.

Schlangestehen zum Tanken - im Gazastreifen derzeit ein alltägliches Bild. Foto: Knaul
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