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Unter Mordverdacht
Wollte Riad, dass Chaschukdschi schweigt?

Der saudische Journalist Dschamal Chaschukdschi – hier bei einer Pressekonferenz – hat in den USA regimekritische Texte veröffentlicht.
Der saudische Journalist Dschamal Chaschukdschi – hier bei einer Pressekonferenz – hat in den USA regimekritische Texte veröffentlicht. FOTO: dpa / Hasan Jamali
Washington/Istanbul. Saudi-Arabien geht hart mit Kritikern um. Im Fall des verschwundenen Journalisten steht das Regime unter Mordverdacht. Von Marc Kalpidis, Mirjam Schmitt und Larissa Hinz

In der Affäre um ihren vermissten Gastautor Dschamal Chaschukdschi bringt ein Artikel der „Washington Post“ die saudischen Behörden in Erklärungsnot. Demnach wurden in Riad schon vor dem Verschwinden des regimekritischen Journalisten Pläne geschmiedet, den 59-Jährigen gefangen zu nehmen und zu verhören – oder sogar zu töten. Das gehe aus Informationen des US-Geheimdienstes hervor, der die Kommunikation zwischen saudischen Regierungsvertretern ausgespäht habe, berichtete die US-Zeitung in der Nacht zu gestern.

Chaschukdschi wird seit einer Woche vermisst. Der Saudi betrat das Konsulat seines Heimatlandes in Istanbul vor mehr als einer Woche, um Papiere für seine Hochzeit abzuholen, kam aber nicht wieder heraus. Medien und Freunde des Vermissten berichteten daraufhin unter Berufung auf türkische Polizei- und Regierungskreise, dass er im Konsulat ermordet wurde. Saudi-Arabien weist die Vorwürfe zurück und beharrt darauf, dass Chaschukdschi erst nach dem Verlassen des Konsulats verschwunden sei. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte die saudischen Behörden aufgefordert, das zu beweisen. Die Türkei erhofft sich nun von einer Durchsuchung des Konsulats neue Erkenntnisse.

Der Fall findet in den USA große Aufmerksamkeit, weil Chaschukdschi dort im Exil lebte und unter seinem anglisierten Namen „Jamal Khashoggi“ auch Artikel für die „Washington Post“ geschrieben hat. Die Zeitung berichtete, wie zuvor die türkische Nachrichtenagentur Anadolu, am Morgen des 2. Oktober sei ein 15-köpfiges Team aus der saudischen Hauptstadt Riad mit zwei Privatfliegern nach Istanbul gereist und anschließend zu dem Konsulat gefahren. Das Blatt beruft sich auf zwei mit den Ermittlungen vertraute Informanten. Am Ende des Tages sei die Männergruppe dann mit verschiedenen Maschinen abgereist, die auf Umwegen nach Riad zurückgeflogen seien, wie auch Flugaufzeichnungen bestätigten. Anadolu meldete, die türkischen Behörden hätten am 2. Oktober eine Gruppe Saudis und deren Privatflugzeug am Atatürk Flughafen durchsucht, aber nichts gefunden.



Was zwischen An- und Abreise der Saudis geschah, ist nicht klar. Allerdings liegen der „Washington Post“ nach eigenen Angaben Aufnahmen einer Polizei-Überwachungskamera vor, auf denen ein schwarzer Van mit getönten Scheiben zu sehen ist. Laut Vertretern der Sicherheitsbehörden hat er einige der Männer vom Konsulat zur knapp 500 Meter entfernten Residenz des saudischen Konsuls gebracht – und das etwa zwei Stunden, nachdem Chaschukdschi die Landesvertretung betreten hatte.

Chaschukdschis Verlobte Hatice Cengiz bat in der „Washington Post“ US-Präsident Donald Trump und First Lady Melania um Hilfe. Sie hoffe, die beiden könnten helfen, etwas Licht in den Fall zu bringen. Cengiz rief auch den saudischen König Salman sowie Kronprinz Mohammed bin Salman auf, das gleiche diplomatische Feingefühl zu zeigen und Videoaufnahmen von dem Konsulat zu veröffentlichen. „Auch wenn der Vorfall die politische Krise zwischen den zwei Nationen potenziell befeuern könnte, lasst uns nicht den menschlichen Aspekt des Geschehens vergessen“, erklärte sie.

Trump, der seine erste Auslandsreise als US-Präsident nach Saudi-Arabien machte, hatte bereits am Dienstag erklärt, mit den Saudis in naher Zukunft über den Fall Chaschukdschi sprechen zu wollen. Reporter ohne Grenzen forderte indes eine unabhängige internationale Untersuchung. Im Fall von Chaschukdschi befürchten sie das Schlimmste.