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Künstliche Intelligenz
Saarländische Forscher kämpfen gegen Kinderpornografie

 Professor  Christoph Sorge.    Foto: Oliver Dietze
Professor Christoph Sorge. Foto: Oliver Dietze FOTO: Oliver Dietze
Düsseldorf/Saarbrücken. Künstliche Intelligenz soll künftig die Arbeit von Ermittlern im Fall von Kindesmissbrauch in Nordrhein-Westfalen erleichtern. Von Jana Bohlmann

Im Kampf gegen Kinderpornografie setzt die Justiz in Nordrhein-Westfalen jetzt auf ungewöhnliche Unterstützung: Künstliche Intelligenz soll künftig schneller kinderpornografisches Material erkennen. Zusammen mit dem weltgrößten Softwarehersteller Microsoft, Cybercrime-Experten der Justiz und Wissenschaftlern hat das Land eine automatisierte Bildauswertung entwickelt. Mit Dominik Brodowski und Christoph Sorge sind auch zwei saarländische Wissenschaftler an dem digitalen Forschungsprojekt beteiligt. Sorge ist Professor für Rechtsinformatik, Brodowski Juniorprofessor für Strafrecht und Strafverfahrensrecht an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.

„Die Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden stehen vor der Schwierigkeit, dass sie immer mehr Bildmaterial, das sie bei Hausdurchsuchungen finden, forensisch auswerten müssen“, erklärt Brodowski. Es handele sich bei dem Bildmaterial oft um etliche Urlaubsfotos oder Dateien mit legaler Pornografie. Es gehe dann darum, die Nadel im Heuhaufen zu finden, sagt Brodowski, also die Bilder, die Kinderpornografie zeigen und somit strafrechtlich relevant sind.

Auch NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) weist auf dieses schwerwiegende Problem hin: „Die Ermittler in den Behörden schaffen es nicht, der riesigen Datenmenge Herr zu werden. Auch bei den Staatsanwaltschaften wächst die Zahl der Verfahren an.“



Nach Angaben der nordrhein-westfälischen Stabsstelle gegen Kinderpornografie kann ein Sachbearbeiter im Schnitt 500 Bilder pro Stunde auswerten. Der aktuelle Auswertungsbedarf liegt aber bei drei Petabyte, was der Datenmenge von mehreren Hundert Millionen Bildern entspricht. Die Folgen hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) erst kürzlich mit harten Zahlen belegt: Von rund 1900 landesweit anhängigen Verfahren zu Kindesmissbrauch oder Kinderpornografie konnten Mitte Juni mangels Personal nur zwölf Prozent ausgewertet werden. 557 Durchsuchungsbeschlüsse waren noch nicht vollstreckt.

Datenmengen, die menschliche Ermittler nur in Monaten bewältigen können, vermag die Künstliche Intelligenz binnen weniger Stunden zu verarbeiten. „Und das ohne psychische Schäden“, sagte Biesenbach unter Verweis auf die enorme Belastung, unter der die Ermittler bei der Auswertung des verstörenden Materials leiden.

Die vom Forschungsprojekt entwickelte Künstliche Intelligenz soll kinderpornografisches Material identifizieren, um so für einen beschleunigten Auswertungsprozess zu sorgen. „Dafür werden die Bilder auf Computern der Strafverfolger bereinigt, sodass dann nur noch dekonstruierte Bilder vorliegen“, erklärt Dominik Brodowski. Auf den transformierten Bilder könne man dann mit bloßem Auge nichts mehr erkennen. Selbst Computerprogramme können den originalen Inhalt nicht wiederherstellen. „Die Künstliche Intelligenz kann das Bild auch nicht wiederherstellen, aber – so unsere Hoffnung – kann trotzdem feststellen, ob es ursprünglich ein kinderpornografisches Bild war oder nicht“, sagt Brodowski.

Dafür müsse das Bild in eine Cloud hochgeladen werden. Rein rechtlich dürfe man die Bilder nur in die Cloud laden, weil man mit bloßem Auge nichts mehr erkennen kann, erläutert Brodowski. Denn kinderpornografisches Datenmaterial unterliege extrem weitgehenden rechtlichen Einschränkungen. Die Anwendung von Techniken der Künstlichen Intelligenz auf Basis einer Cloud war daher bisher unmöglich. „Es ist zu gefährlich, Bilder von Kinderpornografie in eine Cloud zu laden, denn da können auch zum Beispiel Hacker Zugriff auf die Bilder bekommen“, erklärt Brodowski.

Bislang wurde die automatisierte Bildauswertung mit Katzen- und Hundebildern geprobt. Das funktionierte. „Das war die erste Phase des Forschungsprojekts. In der zweiten Phase wird es nun um die Frage gehen, ob das auch mit kinderpornografischen Bildern klappt“, sagt Brodowski. Der Saarbrücker Junior-Professor ist zuversichtlich. Er erhofft sich, dass die Polizei in Zukunft Personal effektiver einsetzen kann und dass Strafprozesse beschleunigt werden.

 Junior-Professor  Dominik  Brodowski.   Foto: Uwe Dettmar
Junior-Professor Dominik Brodowski. Foto: Uwe Dettmar FOTO: Uwe Dettmar