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Pfarrerstochter als Premierministerin

 Die für ihren nüchternen Politikstil bekannte Theresa May sammelt extravagante Schuhe. Foto: Hannah Mckay/dpa
Die für ihren nüchternen Politikstil bekannte Theresa May sammelt extravagante Schuhe. Foto: Hannah Mckay/dpa FOTO: Hannah Mckay/dpa
London. Die Tories sind auf dem besten Weg, ihr Personalproblem rasch und geräuschlos zu lösen. Schon morgen wird Theresa May in Downing Street Number 10 regieren. Die 59-Jährige erinnert die Briten an die „Eiserne Lady“. afp

Downing Street Number 10 ist für Theresa May schon seit sechs Jahren ein vertrauter Ort. Nun sieht alles danach aus, als würde die derzeitige Innenministerin schon morgen in das berühmte Londoner Domizil als Nachfolgerin von David Cameron einziehen. Der Noch-Premier wird anders als zunächst geplant schon am selben Tag seinen Rücktritt Königin Elizabeth II. anbieten. Das kündigte der Konservative gestern Nachmittag in London an. Nur wenige Stunden zuvor hatte sich Mays einzige verbliebene Konkurrentin im Rennen um die Parteiführung und damit auch um die Nachfolge Camerons als Regierungschef, Energie-Staatssekretärin Andrea Leadsom, überraschend aufgegeben. Cameron hatte infolge des Brexit-Votums die Konsequenzen gezogen und seinen Rücktritt für den Herbst angekündigt.

Während der aufgeheizten Kampagne hatte May zwar wie ihr Premier für einen Verbleib Großbritanniens in der EU geworben. Doch die 59-jährige EU-Skeptikerin hielt sich relativ bedeckt. Aus dieser Position heraus konnte sich May der zerstrittenen Tory-Partei als Figur des Ausgleichs empfehlen. Die Partei brauche eine "starke und bewährte Führungskraft, um uns durch diese Periode der wirtschaftlichen und politischen Ungewissheit zu führen", sagte sie. Zugleich bekräftigte May mehrfach: "Brexit bleibt Brexit". Gestern fügte sie hinzu, sie werde aus dem Austritt einen "Erfolg" machen. In einem neuen Handelsabkommen mit Brüssel will sie die Einwanderung von EU-Bürgern begrenzen.

Die Pfarrerstochter May arbeitete nach einem Geografie-Studium an der Elite-Uni Oxford kurz bei der Bank of England , bevor sie 1986 in den Londoner Stadtrat gewählt wurde. Seit 1997 sitzt sie als Abgeordnete im Unterhaus. 2002 wurde sie die erste Generalsekretärin der Tories und beendete damit eine lange männliche Vorherrschaft auf dem Posten. Zu Oppositionszeiten saß May bereits in diversen konservativen Schattenkabinetten. Als Cameron 2010 Premierminister wurde, berief er May an die Spitze des Innenministeriums. Dort profilierte sie sich in der Einwanderungspolitik als Verfechterin einer harten Linie - auch gegenüber islamischen Predigern.



Ihr nüchterner Stil in Politik- wie auch in Kleidungsfragen brachte ihr Vergleiche mit der "Eisernen Lady" Margaret Thatcher ein, der bislang einzigen britischen Premierministerin. Extravagant ist dagegen Mays Schuhgeschmack: Seitdem sie auf dem Tory-Parteitag 2002 Stöckelschuhe mit Leopardenmuster trug, achten Journalisten immer auf ihre Schuhe.

Die Politikerin macht kein Geheimnis daraus, dass sie mit ihrem Mann, dem Banker Philip May, keine Kinder haben konnte. Das Thema Mutterschaft wurde ihrer Konkurrentin Leadsom nun zum Verhängnis: Die Energie-Staatssekretärin fing sich harsche Kritik ein, nachdem die "Times" über deren Andeutungen berichtet hatte, Leadsom halte sich als Mutter geeigneter für die zu vergebenden Spitzenämter als May.

Meinung:

Die beste Wahl

Von Merkur-Korrespondentin Katrin Pribyl

Das zerrissene Königreich braucht nach dem Brexit-Votum eine gemäßigte Führung, die zumindest versucht, die Brücke zwischen EU-Gegnern und EU-Befürworterin zu schlagen. Und da ist Theresa May - aus dem ursprünglichen Bewerberfeld - die beste Wahl. Sie kennt sich im Politbetrieb aus, ist gut vernetzt, gilt als diszipliniert und durchsetzungsstark, was bei den bevorstehenden Verhandlungen mit Brüssel von Bedeutung sein wird. Zudem hat sie sich nie als besonders europhil präsentiert. Das dürfte sich auszahlen, denn die EU-Gegner werden mit viel Skepsis und ohne Kompromissbereitschaft jeden ihrer Schritte verfolgen. Viele Hardliner befürchten, May habe es nicht eilig, den Austrittswunsch der Briten offiziell nach Brüssel zu tragen. Und das hat die Konservative wirklich nicht vor. Aus politischer Taktik heraus überstürzt May nichts.