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Panzer an der Grenze, General im Kabinett

Ankara/Kobane. Die Zeichen in der Türkei stehen auf Krieg. Kurdische Politiker, Abgeordnete der AKP und Militärs werben für den Kampf gegen die IS in Syrien. Noch ist jeder zweite Türke dagegen. Susanne Güsten

Die Türkei bereitet sich auf ein Eingreifen im benachbarten Syrien vor. Etwa drei dutzend Panzer der türkischen Armee fuhren an der Grenze nahe der umkämpften syrischen Stadt Kobane auf - und drehten ihre Rohre in Richtung Syrien . In Ankara informierte Generalstabschef Necdet Özel das Kabinett von Ministerpräsident Ahmet Davutoglu über Pläne der Militärs zur Schaffung von Pufferzonen auf syrischem Boden. Dort sollen syrische Flüchtlinge versorgt werden. Morgen berät das Parlament dann über einen Auslandseinsatz der Armee.

Als erster türkischer Spitzenpolitiker überquerte gestern der Chef der Kurdenpartei HDP, Selahattin Demirtas, bei Kobane die Grenze auf syrisches Gebiet. Dort versuchen Verbände der syrischen Kurden, Angriffe der Dschihadisten-Miliz "Islamischer Staat" (IS) abzuwehren. Laut Demirtas stehen die IS-Kämpfer nur wenige Kilometer vor Kobane. Er rief Türken und Kurden auf, gemeinsam gegen die Bedrohung durch den IS zu kämpfen. Die türkische Regierung solle den Kurden in Kobane helfen. Dort würden "Werte der Menschlichkeit" gegen die Barbarei verteidigt.

Demirtas will heute mit Premier Davutoglu über die Lage an der Grenze reden. Ankara hat sich zwar zur Beteiligung an der internationalen Allianz gegen den IS in Syrien entschlossen, bisher aber nichts zur Unterstützung der kurdischen Verbände in Kobane getan. Im Gegenteil: Türkische Sicherheitskräfte an der Grenze halten immer wieder Kurden auf, die von der Türkei aus nach Syrien wollen, um sich den Kämpfen gegen den IS anzuschließen. Ankara hingegen ist besorgt, dass der Kampf gegen den IS am Ende der türkisch-kurdischen Rebellengruppe PKK zugute kommen könnte. Die syrische Kurdenpartei PYD und deren Miliz YPG, die sich in Kobane gegen Dschihadisten stellt, sind Ableger der PKK . Demirtas betonte aber, es komme allein auf einen Sieg gegen den IS an. Auch Waffenlieferungen an die YPG müssten ermöglicht werden.

Bei der Abstimmung im Parlament über die Entsendegesetze für mögliche Einsätze der Armee in Syrien und im Irak kann sich Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan auf die breite Mehrheit der Regierungspartei AKP verlassen. Doch außerhalb der Regierungsreihen regt sich nicht nur bei Kurden Kritik. Nach einer Umfrage lehnt fast jeder zweite Wähler eine Beteiligung der Türkei an der internationalen Anti-IS-Allianz ab.

Währenddessen sollen gestern 1100 IS-Kämpfer 36 Soldaten der Türkei eingekesselt haben. Sie hatten das türkische Mausoleum von Süleyman Shah in Syrien umstellt. Das Grab liegt auf syrischen Gebiet in unmittelbarer Nähe zu Kobane.