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Fachkräftemangel
Nur ein offenes Deutschland ist ein Einwanderungsland

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Die Wirtschaft appelliert, fordert und drängt nicht mehr nur. Sie schlägt Alarm. Der Mangel an Fachkräften verschärft sich. Unerbittlich öffnet sich die demografische Schere zwischen Schulabgängern und Neu-Rentnern. Von Volker Meyer zu Tittingdorf

Zuwanderung kann das akute Problem zwar nicht lösen, aber mildern. Dafür soll ein Einwanderungsgesetz her. Schon seit fast zwei Jahrzehnten wird darüber diskutiert. Jetzt will sich die große Koalition endlich ans Werk machen. Doch leicht ist die Aufgabe nicht. 

Das Vorhaben ist gerade jetzt ein Mammutprojekt. Kaum hat die Union ihren schrill geführten Streit um die Asyl- und Flüchtlingspolitik einigermaßen befriedet, da soll sie mit der SPD über mehr Zuwanderung debattieren und dafür ein Gesetz erarbeiten. Nun sind die, die hierher fliehen, in der Regel wegen fehlender Qualifikationen nicht die, die Ökonomen herbeiwünschen. Doch ein gewisser Widerspruch zwischen einer weiteren Öffnung der Grenzen für die gut Ausgebildeten und einem stärkeren Schließen der Grenzen für Flüchtlinge ist nicht zu leugnen. Wie soll eine Gesellschaft, in der „Willkommenskultur“ inzwischen wie ein Begriff aus ferner Vergangenheit klingt, ein Magnet für Fachkräfte aus aller Welt werden? Die Software-Entwickler, Altenpfleger und Techniker, die man herlocken will, müssen doch auch das Gefühl bekommen, dass sie nicht nur gebraucht, sondern auch gewollt und geschätzt werden. Ohne Willkommenskultur wird das nichts werden mit der von der Wirtschaft erhofften Zuwanderung. Da kann das Einwanderungsgesetz noch so liberal sein. Zugespitzt formuliert: Ohne ein hohes Maß an Humanität im Umgang mit Flüchtlingen fehlt unserer Gesellschaft die Offenheit, die ein attraktives Einwanderungsland braucht. Mehr noch: Top ausgebildete Leute stehen nicht an den Grenzen Schlange. Deutschland muss um sie überzeugend werben. Dabei zählt nicht nur die Aussicht auf Arbeitsplatz und Wohlstand, sondern auch die Atmosphäre des Zusammenlebens.

Jenseits dieser grundsätzlichen Fragen sollte Pragmatismus den Weg zu einem Einwanderungsgesetz prägen. Alles, was dem Ziel dient, Fachkräfte anzulocken und hier zu halten, muss das Gesetz ermöglichen. Weniger und einfachere Bürokratie ist dabei ein entscheidender Punkt – von der Anerkennung von Abschlüssen bis hin zu Einreiseformalitäten. Auch der bisherige Zwang, schon einen Arbeitsplatz vorweisen zu müssen, ist eine Regelung von gestern. Vor allem müssen aber die Hürden für beruflich Qualifizierte sinken. In kaum einem anderen Land auf der Welt gibt es eine duale Ausbildung. Dann ist es also unsinnig, gleichwertige Ausbildungen zur Bedingung für Zuwanderung zu machen. Wenn auch Handwerker kommen sollen, muss man ihnen die Chance zur (Nach-)Qualifikation geben.



Noch etwas ist wichtig, so sehr es auch dem gegenwärtigen Politiktrend widerspricht:  Auch Asylbewerber, die schon hier sind, müssen wieder verstärkt in den Blick kommen. Die strikte Trennung zwischen Asyl-  und Einwanderungsverfahren ist ein Hindernis für die Gewinnung der so gesuchten Fachkräfte.