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Start der schwarz-roten Sondierungen
Nichts soll an glücklose Jamaika-Tage erinnern

Optimistisch zeigte sich Kanzlerin Angela Merkel gestern vor dem Start der Sondierungsgespräche.
Optimistisch zeigte sich Kanzlerin Angela Merkel gestern vor dem Start der Sondierungsgespräche. FOTO: Jörg Carstensen / dpa
Berlin. Am ersten Tag der Sondierungen bemühen sich die Parteichefs von Union und SPD, einen Hauch guter Stimmung zu versprühen.

Martin Schulz empfängt die Besucher höchstpersönlich. An der gläsernen Eingangstür der SPD-Zentrale begrüßt der Chef der Sozialdemokraten erst den CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer, auch Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) stößt dazu. Dann kommt die Kanzlerin. „Herzlich willkommen im Willy-Brandt-Haus“, sagt er. „Ist Ihnen ja bekannt, ne?“ Ja, ist ihr bekannt. Die CDU-Chefin hat hier schon manche Stunde verbracht. Vor vier Jahren etwa, in der letzten Nacht der Verhandlungen von Union und SPD, als beide Seiten die bis heute amtierende große Koalition vereinbarten. Nun also das Ganze noch mal?

Tag 1 der Sondierungen von Union und SPD, Tag 105 nach der Bundestagswahl – und die Parteichefs mühen sich, etwas gute Laune zu verbreiten. Als Schulz am Sonntagmorgen vor die Mikrofone tritt, hat er einen freundlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt. „Wir ziehen keine roten Linien, aber wir wollen möglichst viel rote Politik in Deutschland durchsetzen.“

Schon die Ortswahl hat Symbolisches. Merkel als Verhandlungsführerin überlässt Schulz den ersten Auftritt als Hausherr – und damit die Bilder. Sie zeigen, dass die Kanzlerin mit ihrem Gefolge in die rote Zentrale kommen muss, um sieben Wochen nach den an der FDP gescheiterten Jamaika-Sondierungen vielleicht doch noch ihre vierte stabile Regierung hinzubekommen. Auch die wohl bis tief in die Nacht zu diesem Freitag dauernden Abschluss-Verhandlungen werden im Willy-Brandt-Haus sein. Offensichtlich will man, dass Schulz und seiner SPD die Verkündung von Erfolg oder Misserfolg der Sondierung obliegt. Und es wird zugleich die besondere Verantwortung der Sozialdemokraten klar gemacht: Mit ihnen steht und fällt eine stabile Koalition.



Seehofer zeigt sich bei seiner Ankunft in der SPD-Zentrale in bester Stimmung. „Erstens fühlt man sich immer wohl in Berlin, zweitens haben wir jetzt spannende fünf Tage vor uns, und drittens weiß ich, dass wir uns verständigen müssen.“ Was er natürlich nicht sagt: Auch seine politische Zukunft hängt vom Erfolg der Verhandlungen ab. Schmieden CDU, SPD und CSU am Ende tatsächlich wieder eine Koalition, könnte er tatsächlich als CSU-Chef an Merkels Kabinettstisch nach Berlin wechseln.

Merkel lässt ebenfalls wissen, sie gehe optimistisch in die Gespräche. „Allerdings ist mir klar, dass in den nächsten Tagen auch ein Riesenstück Arbeit vor uns liegt“, sagt sie, während Demonstranten auf der anderen Straßenseite in ihre Trillerpfeifen pusten. CDU-Vize Thomas Strobl (CDU) wird sogar poetisch und bemüht ein Zitat von Hermann Hesse: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“

Nun ja, vor zweieinhalb Monaten war auch schon viel von Optimismus die Rede. Als die Union am 20. Oktober endlich mit FDP und Grünen in großer Runde in die Sondierungen startete, sagte Seehofer: „Ich bin zuversichtlich.“ Und Merkel schloss sich an: „Ich auch.“ Am Ende blieb davon nichts übrig, die FDP ließ das Experiment platzen.

Umso wichtiger ist es den Spitzen von Union und SPD, dass nun möglichst nichts an jene glücklosen Jamaika-Tage erinnert. Ein anderer Modus soll her, ein anderer Stil. Keine Begleit-Provokationen per Interview, keine Durchstechereien. Die Partner haben sich weitgehendes Schweigen verordnet. Am Ende eines jeden Verhandlungstages soll nur der Generalsekretär der jeweiligen Gastgeberseite ein abgestimmtes Statement verkünden. Damit soll der Eindruck von Vielstimmigkeit und Gegeneinander vermieden werden. Ob das hält?