| 22:10 Uhr

Neue Töne von Ditib
Isolierter Islam-Verband versucht die Kehrtwende

Köln. Es ist ein Werben um Vertrauen in Zeiten zunehmender Isolation. Die umstrittene Ditib, größte Islam-Organisation in Deutschland, kündigt überraschend einen Neustart an. dpa

Von „ungerechtfertigten Angriffen“ spricht die Türkisch-Islamische Union, aber auch „zum Teil berechtigter Kritik an der Ditib“ und eigenen „Versäumnissen“. Das sind neue Töne vom Bundesverband in Köln, der bisher nicht durch Selbstzweifel aufgefallen ist. Sondern durch Abschottung, spitzelnde Imame, Abhängigkeit von der Regierung in Ankara und ihrer Religionsbehörde Diyanet sowie nicht zuletzt durch nationalistische Äußerungen.

Zeichnet sich eine echte Kehrtwende ab? Man wolle künftig einen „intensiveren Austausch mit Partnern aus Politik, Gesellschaft und Presse pflegen“, ließ die Ditib jüngst wissen. Just, als sie wieder einmal unter Druck geraten war – diesmal wegen einer Islamkonferenz mit Vertretern der radikalen Muslimbruderschaft. Die Reaktionen fallen nun skeptisch, misstrauisch, warnend aus. Die Gräben sind tief.

Die Politik in Bund und Ländern ist schon vor längerem auf Distanz gegangen. Der Bund fördert keine Ditib-Projekte mehr. In Nordrhein-Westfalen liegt die Zusammenarbeit auf Eis. Seit dem Putschversuch in der Türkei 2016 steht die Ditib als verlängerter Arm von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in der Kritik. Trotz nachdrücklicher Aufforderung hierzulande von allen Seiten, die politische Einflussnahme zu stoppen, hatte Erdogan unlängst offiziell die Kölner Ditib-Zentralmoschee eröffnet – für viele eine Provokation.



Jetzt soll es ein neuer Vorstand richten. Er will „Debatten entschärfen“ und einen Neuanfang einleiten. Aber: Unter dem Spitzenpersonal sind altbekannte türkische Beamte, erläutert Islamexpertin Susanne Schröter. Der Vorsitzende Kazim Türkmen sei Botschaftsrat, Vize Ahmet Dilek Religionsattaché, Generalsekretär Abdurrahman Atasoy ein Imam der Diyanet. Gewählt wurde hinter verschlossenen Türen, die Mehrheit der Delegierten habe man „aus der Türkei eingeflogen“, sagt Schröter, Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Uni Frankfurt. Der Verband sei Polit-Instrument Ankaras. „Die einfachen Gemeindemitglieder in Deutschland haben nach wie vor nur wenig Einfluss.“ Moscheen seien für „türkische Kriegspropaganda“ und „die Verbreitung Erdogans anti-integrativer Rhetorik“ genutzt worden.

Jörn Thielmann vom Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa  glaubt: „Es hat sich bei der Ditib wohl die Einsicht durchgesetzt, dass sie sich bewegen muss, weil es mit ihrer früher mal privilegierten Position längst vorbei ist.“ Auch bei anderen Islamverbänden ende offenbar die Geduld. Wenn es der Ditib ernst sei mit einem Aufbruch, müsse sie die Satzungen auf allen Ebenen ändern. In diesen seien Zugriffs- und Kontrollmöglichkeit durch Diyanet und die türkische Regierung fest verankert. „Mit einer Erklärung und der Wahl eines Vorstands ist noch kein Schritt für einen Neuanfang getan.“ Sogar das Gegenteil einer Loslösung von Ankara deute sich an.

Warnende Worte kommen auch von Ex-Grünen-Chef Cem Özdemir. Ankara versuche, den Islam in Deutschland stärker unter seine Kontrolle zu bringen, und Erdogan strecke seinen Arm immer weiter nach Europa aus. Diyanet und Ditib wollten ein Gegengewicht zur Deutschen Islamkonferenz schaffen, meint Schröter. Eine Prüfung, ob der Verfassungsschutz die Ditib beobachten soll, läuft.

In Nordrhein-Westfalen, wo besonders viele Muslime leben, will noch niemand so recht an den Neustart glauben. Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) sagt, einige Ditib-Gemeinden seien verzweifelt über das Agieren des Bundesverbands. Es werde daher zu Abspaltungen kommen. Der frühere grüne Vormann Volker Beck sagt sogar: „Von Neuorientierung und Aufarbeitung keine Spur.“