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Neue deutsch-französische Brüderlichkeit

Berlin. Die christdemokratische Kanzlerin und der sozialistische Präsident sind durch Krisen zusammengerückt. Trotz aller Probleme stärken sie die Achse Berlin-Paris. Doch Hollande hat Zuhause massive Probleme. Agentur

Nicht der Ukraine-Konflikt, nicht Griechenlands Schuldenkrise, auch nicht das Atomproblem mit dem Iran oder die Wahlen in Frankreich werden an diesem Tag zuerst aufgerufen. Bei den deutsch-französischen Regierungskonsultationen richtet sich der Blick zu allererst auf den Absturz der Germanwings-Maschine in der vorigen Woche in Südfrankreich - auf diese "schreckliche Katastrophe", wie Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt. Um das Kanzleramt heult der Sturm. Durch die großen Fenster sieht man, wie sich die Bäume biegen.

Während ihres gemeinsamen Auftritts mit Frankreichs Staatschef François Hollande dankt Merkel gestern seiner Regierung für die Hilfe, "aber vor allen Dingen den Menschen in der Region, die in so unglaublicher Weise mit einem so großen und weiten Herzen die Bergungsarbeiten durchführen". Hollande beschreibt den Charakter seiner Treffen mit Merkel so: nicht formal, sondern menschlich.

Nach langem Anlauf haben die christdemokratische Kanzlerin und der sozialistische Präsident die Basis der deutsch-französischen Freundschaft gefestigt. Nach Hollandes Wahl 2012 - er löste den konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy ab - war Merkel zunächst nicht begeistert. Hollande hatte im Wahlkampf soziale Wohltaten versprochen, deren Verwirklichung Merkel von Anfang an bezweifelt hatte. Inzwischen musste Hollande einiges einkassieren.

Vor allem die jüngsten Krisen haben die beiden aber zusammengeschweißt. Merkel spricht von Monaten, in denen Deutschland und Frankreich durch "Bewährungsproben" zusammengerückt seien. Hollande sagt: "In den letzten Wochen ist es eher eine deutsch-französische Brüderlichkeit geworden. (...) Bei den großen internationalen Themen stehen wir zusammen."

Gemeinsam trauerten sie im Januar um die Opfer der Terroranschläge von Paris , die mit dem Attentat auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" begannen. Im Februar verhandelten sie 17 Stunden am Stück mit Russlands Staatschef Wladimir Putin in Minsk über Frieden in der Ukraine. Beim EU-Gipfel Mitte März in Brüssel stimmten sie sich erst einmal untereinander über den Weg für Athen ab. Und in der vorigen Woche sah man sie wieder vereint in Trauer. In Südfrankreich , wo die Germanwings-Maschine 4U9525 in den Alpen abstürzte und 150 Menschen starben. Gemeinsam reisten Merkel und Hollande zur Absturzstelle.

Für Hollande ist der Besuch in Berlin eine kurze Ablenkung von politischen Sorgen Zuhause. Seine Partei hat am Sonntag in den französischen Départements eine weitere Wahlniederlage erlitten. Er wolle diese Wahlen in Berlin nicht kommentieren, bürstet er die Frage einer Journalistin ab. Sein Regierungschef Manuel Valls muss derweil in Paris die Reihen schließen und kann deswegen nicht in Berlin sein.

Ob Merkel die Stärke der Rechtsextremen von Marine le Pen beunruhige, will die Reporterin noch wissen. "Angst ist nie ein Ratgeber, der für die Politik gut ist", sagt die Kanzlerin und reicht Hollande symbolisch die Hand. Das Problem, dass Rechtsextreme populistische Lösungen anböten, mussten die Länder gemeinsam bekämpfen, sagt die CDU-Chefin.