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Analyse Bayerns SPD-Chefin muss das historisch schlechte Ergebnis verantworten.
Natascha Kohnen hatte nie eine Chance

Natascha Kohnen gestern in Berlin mit Andrea Nahles.
Natascha Kohnen gestern in Berlin mit Andrea Nahles. FOTO: dpa / Carsten Koall
München. Viele in der Bayern-SPD erinnert das Schicksal von Natascha Kohnen an den vor anderthalb Jahren brutal gescheiterten Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Seit ihrer Nominierung für den ersten Listenplatz ackerte die zweifache Mutter, die bald ihren 51. Geburtstag feiert, praktisch rund um die Uhr.

Doch am Ende ist das Ergebnis mit unter zehn Prozent unmissverständlich schlecht.

Es scheint unmöglich, dass Kohnen ihren Posten als SPD-Landeschefin behalten kann. Sie muss die Wahlstrategie verantworten, nicht zwingend alleine, aber doch an vorderster Front. Und wie im Sport sind auch in der Politik Verlierer meist alleine. Entscheidend für Kohnen wird zunächst sein, ob sie im Landesvorstand noch eine Mehrheit hinter sich vereinen kann. Das ist alles andere als sicher. Da die SPD aber im Umgang mit ihren Chefs nicht ganz so resolut vorgeht wie etwa die CSU, sind andere Szenarien denkbar: So könnte sich der gesamte Landesvorstand auf einem Sonderparteitag zur Neuwahl stellen. Gegen die Lösung spricht, dass es bis dahin eine monatelange Hängepartie geben würde. Alternativ könnte der Vorstand Kohnen auch drängen, ihr Amt vorher zur Verfügung zu stellen.

Wie auch immer die anstehende Aufarbeitung ausgeht, am Ende steht fest: Die in Kohnen gesetzten Erwartungen aus der eigenen Partei konnte sie nicht erfüllen. Leckte sich die leidgeprüfte SPD schon 2013 mit rund 20 Prozent nach der Wahl die Wunden, steht der Name Kohnen nun neben dem schlechtesten Ergebnis, dass die Sozialdemokraten je in einem Bundesland eingefahren haben. Es ist nicht nur das zumindest vorläufige Ende des eigenen Anspruchs einer ganzen Volkspartei, sondern die Niederlage einer Frau, die im Mai 2017 den Mumm hatte, sich einer kaum erfolgversprechenden Mission zu stellen.



Dabei kommt – auch das gehört zur Wahrheit dazu – das tragische Ende der SPD weder überraschend noch von ungefähr. Ein eindeutiger Indikator für die schwere Krise war schon das Verhalten des CSU-Gegenspielers bei der Landtagswahl: Immer wieder sprach Markus Söder in seinen Reden über die SPD wie über einen kranken Mann. Die Absage des Bayerischen Rundfunks an die SPD zur Teilnahme am großen Wahl-Duell zugunsten der Grünen markierte ebenfalls eine Zäsur.

Keine Frage, auch die Performance der Bundesgenossen war alles andere als hilfreich für die SPD in Bayern, angefangen beim Gerangel um einen Eintritt in eine neue Groko bis hin zu den Querelen um die Beförderung von Verfassungsschutzpräsident Maaßen. So optimistisch sich Kohnen trotz alledem vor der Wahl gab, sie dürfte sich zweifelsohne über die Konsequenzen Gedanken gemacht haben: „Jede Partei sollte sich tunlichst Zeit nehmen und sich die Ergebnisse ansehen, sehr genau, statt irgendwelche Stolperschritte zu machen“, sagte Kohnen vor einer Woche am Rande eines Wahlkampftermins mit Nahles. Es klingt heute wie eine Bitte an die eigenen Parteifreunde.

Doch auch Kohnens eigener Stil mit viel Gefühl und wenig Attacke dürfte hinterfragt werden. Immerhin schafften vor ihren Augen die Grünen genau das, was sich die SPD so sehr gewünscht hat. Der CSU mit einem politischen Gegenentwurf das Wasser abgraben, in der aufgewühlten Zeit mit großen Verschiebungen in der Parteienlandschaft neue Wählerschichten erschließen und alte Wähler zurückgewinnen.

Fakt ist, weder mit ihren Themen noch mit dem Personal hat die SPD die Wähler in Bayern erreichen können. Ob die sich traditionell gerne besonders links gebende Parteibasis im Freistaat in Kohnen daher die richtige Frau sieht, um die SPD aus ihrer neuesten Krise zu führen, muss stark bezweifelt werden.