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Mexiko-Stadt
Mexikos neuer Hoffnungsträger

Er will bescheiden wohnen und keine Privatjets mehr nutzen: Mexiko könnte mit der Wahl von Andrés Manuel López Obrador eine politische Kehrtwende eingeleitet haben. Doch noch liegt vieles in der Schwebe – und eine große Hoffnung in der Luft.
Er will bescheiden wohnen und keine Privatjets mehr nutzen: Mexiko könnte mit der Wahl von Andrés Manuel López Obrador eine politische Kehrtwende eingeleitet haben. Doch noch liegt vieles in der Schwebe – und eine große Hoffnung in der Luft. FOTO: dpa / Yadin Xolalpa
Mexiko-Stadt. Donald Trump hat ihm früh gratuliert. Dabei dürfte Andrés López Obrador überhaupt nicht nach seinem Geschmack sein: Der künftige mexikanische Präsident positioniert sich nämlich links. Was bedeutet der Wechsel für das konservative Mexiko?

Die Fahrt zur Siegesfeier auf dem Zócalo im Zentrum von Mexiko-Stadt beginnt für Andrés Manuel López Obrador im Schneckentempo. Zu viele seiner Fans umringen das weiße Auto mit dem künftigen Präsidenten Mexikos. Als der 64-Jährige kurz vor Mitternacht mit seiner Frau endlich auf die Bühne tritt, drängen sich Zehntausende auf den Platz.

„Jetzt werden wir Mexiko verändern“, verspricht „AMLO“, wie López Obrador kurz genannt wird. Die Aufbruchstimmung scheint die ganze Stadt zu erfassen. Autos fahren hupend durch die Hauptstadt – mehr als nach dem Sieg der mexikanischen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM über Deutschland.

Obrador steht für einen klaren Linksschwenk des konservativen Mexikos. „Wir sind sicher, dass seine Regierung eine neue Seite der Würde und Souveränität Lateinamerikas beschreiben wird“, twittert der linke bolivianische Präsident Evo Morales. Doch was López Obrador ganz konkret politisch ändern will, ist schwer greifbar. Und so erklärt auch US-Präsident Donald Trump, er freue sich auf die Zusammenarbeit: „Es gibt vieles zu tun.“



Vieles, was Trump will, ist aber nicht im Sinne des neuen Präsidenten. So steht die Zukunft des Freihandelsabkommens Nafta unter Trump in den Sternen, Mexiko muss sich neue Handelspartner suchen. Und dann ist da die Sache mit der Mauer. Mexiko teilt sich eine rund 3200 Kilometer lange Grenze mit den USA. Trump will sie mit einer Mauer schließen und Mexiko dafür zahlen lassen. Was wird unter einem linken Staatsmann nun daraus?

Die Frage stellen sich Experten generell. „Er ist links, Nationalist, aber auch Populist“, sagt der Mexiko-Experte Christopher Wilson. Dass für den Politikveteranen so viele verschiedene Charakterisierungen benutzt würden, zeige, dass seine Richtung nicht klar sei. „AMLO“ habe seine Unterstützerzahl ausgebaut, indem er sich mehr in die Mitte bewegt habe, ergänzt Irma Méndez von der lateinamerikanischen Fakultät der Sozialwissenschaften der privaten Flacso-Universität. Die Deutsch-Mexikanische Industrie- und Handelskammer erklärt nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses, wichtig sei, dass die künftige Regierung den Kurs einer wirtschaftspolitischen Stabilität vorsetze. In den vergangenen 30 Jahren hat sich Mexiko stark gewandelt und seine Wirtschaft immer mehr geöffnet. Der Staat liegt heute auf Platz 15 der größten Volkswirtschaften der Welt. Doch Millionen Einwohner sind trotzdem immer noch arm; Mexiko wirkt ermüdet von der Ungleichheit und der Instabilität.

Mit rund 29 000 getöteten Menschen hat die Gewalt 2017 eine traurige Rekordmarke erreicht. Im Wahlkampf wurden in den zurückliegenden zehn Monaten mehr als 120 Politiker ermordet. Selbst am Wahltag gab es noch ein politisches Attentat. Seit Jahresbeginn wurden sieben Journalisten umgebracht. Diese Unsicherheit zermürbt – aber die Hoffnung auf einen Wandel ist groß.

„Wir hoffen, dass sich die Dinge verbessern. Es ist nicht schön. Die Unsicherheit, die Wirtschaft“, sagt die 25-jährige Susi Sandoval vor einem Wahllokal in Mexiko-Stadt. „Die Korruption ist der Ballast Mexikos“, ergänzt der 32-jährige Alejandro Fernández, der im selben Wahllokal seine Stimme abgibt. Er hofft auf eine Wende. Obradors Partei Morena (Movimiento Regeneración Nacional – Bewegung der nationalen Erholung) führte den Wahlkampf unter dem Motto „Hoffnung für Mexiko“.

Der kommende Präsident will es anders machen als seine Vorgänger und nicht in die Residenz Los Pinos ziehen. Die sei „verhext“, sagte Obrador. Seine Familie wolle in ihrem Haus im Süden von Mexiko-Stadt bleiben, bis der jüngste Sohn im kommenden Jahr die Grundschule beendet habe.

Außerdem will er das Privatflugzeug der Regierung verkaufen und Linienflüge nutzen. Ministerien und Behörden sollen auch außerhalb Mexiko-Stadts angesiedelt werden, um den Regierungsapparat zu dezentralisieren. Globale Anliegen sieht AMLO mit Distanz. „Die beste Außenpolitik liegt im Inneren“, sagt der 64-Jährige.