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Studie
Menschen, die sich verlassen fühlen

Aufmarsch der Unzufriedenen? Pegida-Gründer Lutz Bachmann (Mitte, rechts) spricht bei einem „Frauenmarsch“ aus dem AfD-Umfeld in Berlin mit einem Mann, der ein Sweatshirt mit der Aufschrift „Russia“ trägt.
Aufmarsch der Unzufriedenen? Pegida-Gründer Lutz Bachmann (Mitte, rechts) spricht bei einem „Frauenmarsch“ aus dem AfD-Umfeld in Berlin mit einem Mann, der ein Sweatshirt mit der Aufschrift „Russia“ trägt. FOTO: Stefan Jaitner / dpa
Berlin. Eine neue Studie untersucht die Gedankenwelt von Rechts-Wählern in Frankreich und Deutschland: Die Politik kümmere sich zu wenig um die eigenen Bürger. Von Werner Kolhoff

Knapp 5,9 Millionen Menschen haben im Herbst in Deutschland AfD gewählt, noch mehr bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich den Front National. Aber warum verfangen nationalistische, populistische oder gar rassistische Losungen in Gesellschaften, denen es gut geht? Eine gestern in Berlin veröffentlichte Studie gibt darauf vielleicht die bisher schlüssigste Antwort: Weil die Menschen sich von der Politik „verlassen“ fühlen.

Mit Geldern des Auswärtigen Amtes haben die Sozialwissenschaftler vom „Progressiven Zentrum Berlin“ in beiden Ländern im letzten Herbst insgesamt 500 Haustürgespräche geführt, aufgezeichnet und ausgewertet. Das Besondere: Die Fragen waren komplett offen und lauteten etwa: Was stört Sie am Leben, welche Problem belasten Sie, was würden Sie tun, um sie zu lösen? Man wollte die Leute reden lassen und wirklich zuhören, so der Anspruch dieser Art von Sozialforschung. Gefragt wurde in Hochburgen der Rechten, und zwar gleichmäßig auf dem Land und in Städten. In Deutschland waren es zum Beispiel Berlin-Marzahn, Duisburg und Fürstenwalde. Die Befragten wurden zufällig ausgewählt.

Der Befund: Als wichtigstes Problem des Landes nennen die meisten zwar die Migration und das Versagen der Politik. Werden die Menschen aber nach den eigenen Problemen gefragt, kommen diese Angaben so gut wie nicht mehr vor. Dann geht es um schlechte Arbeitsbedingungen, zu wenig Geld, und dass man sich die teuren Schulhefte der Kinder kaum leisten kann. Dann geht es um fehlende oder ausgedünnte Infrastruktur, von Bussen, die nicht mehr fahren, bis zu fehlenden Briefkästen. Über Ausländer wird nicht prinzipiell schlecht geredet; besonders in den Städten haben viele seit Jahren als Nachbarn Erfahrungen mit ihnen. Angst vor Islamisierung, Verschwörungstheorien, Kritik an den Medien („Lügenpresse) oder eine Ablehnung der EU kommen ebenfalls wenig vor.



„Die zentralen Punkte der Populisten verfangen in den Hochburgen weit weniger stark als angenommen“, so Studienleiter Johannes Hillje. Man solle ihnen daher „selbstbewusst“ entgegentreten, erklärte der Wissenschaftler. Aber es bestehe die Wahrnehmung, dass wegen der Hilfe für Flüchtlinge Anstrengungen und Investitionen vor Ort ausblieben. Auch „zu viel Außenpolitik“ werde als Kritikpunkt genannt. Die Politik solle sich mehr um die eigenen Bürger kümmern, heiße es oft. Sie sei zu weit weg von den Menschen. „Weil sich gefühlt um die Fremden mehr gekümmert wird, fühlt man sich selbst abgewertet – und wertet in der Folge die Fremden ab“, schlussfolgerte Hillje. Die Konsequenz laute dann: „Deutschland zuerst.“ Das sei aber nicht völkisch gemeint, sondern im Sinne einer „Priorisierung“ der Politik.

Die Konsequenz, die die Studie vorschlägt, ist da nur logisch: „Rückkehr zu den politisch Verlassenen“, so auch der Titel. Die Politik müsse sich mehr um diese Leute kümmern. So sollten die Parteien über Bürgerbüros versuchen, stärker vor Ort präsent zu sein. Die Agenda der Bürger müsse wieder ihre Agenda werden. Auch die Medien seien hier in der Verantwortung. Der Staat müsse wieder für ein Mindestmaß an öffentlicher Daseinsvorsorge sorgen und vor allem mehr gesellschaftliche Solidarität garantieren. „Einer Gesellschaft, die sozial tief gespalten ist, fehlen womöglich die Voraussetzungen für das Maß an Humanität, das ihr im Herbst 2015 von oben auferlegt wurde“, so die Autoren mit Blick auf den Höhepunkt der Flüchtlingskrise.